Esfahan, Teil 1 Samstag, Sep 23 2006 

Esfahan, die Erste

Der Zeitplan meines Vaters geht natürlich nicht auf (mich wundert über mein eigenes Zeitempfinden gar nichts mehr!!!). Das heißt, während es Mitternacht wird – und damit mein Geburtstag – sitzen wir immer noch im Auto und kurven auf der Peripherique von Esfahan rum. Meinen guten Orientierungssinn habe ich nicht von ihm geerbt – mir ist schon sehr bald klar, dass wir wieder Richtung Shiraz fahren… Man kann iranischen Männern immerhin nicht vorwerfen, dass sie lieber sonstwohin gurken, anstatt Leute um Hilfe zu fragen. Im Gegenteil: Sie fragen dauernd jeden und – obwohl es den Anschein hat, dass die Beschreibung in Ordnung ist – nach 20 Metern den nächsten und den nächsten und den nächsten! Fairerweise muss ich erwähnen, dass meine Aerobic-Freundin und ich im Basar innerhalb von 5 Minuten von 10 Leuten in 4 verschiedene Richtungen geschickt wurden, als wir ein Cafe suchten! So kommen wir erst um 1 h im Hotel an. Diesmal habe ich baba vorher gezwungen, alles zu tun, damit wir vor Ort wirklich eine Behausung haben und sich so was wie in Shiraz nicht wiederholt. Also wartet tatsächlich ein 5-Sterne-Hotel auf uns, das er und seine Freunde gut kennen.

Ein fünf Sterne-Hotel, so so …. Das Zimmer ist winzig, das Fenster direkt an einer Mauer, das Bad halb so groß wie meins zu Hause (!) und die Dusche hängt genau überm Klo – man muss sich also breitbeinig übers Klo stellen, um duschen zu können, wobei alles andere im Bad ebenfalls nass wird … die Handtücher zum Beispiel! Ich bin zu müde, um mich an den papierdünnen Wänden zu den Nachbarn zu stören und schlafe ungratuliert ein. Wie sich später herausstellt, dachte mein Vater, nach deutscher Uhrzeit sei es ja noch nicht der 19.9. und tat deshalb nichts….

Den Vormittag meines Geburtstags verbingen wir mit familiären Themen – das ist nichts für den weblog. Dann ziehen wir in ein viel besseres Hotel um, das direkt am dem großen Fluß liegt, der sich durch Esfahan schlängelt und Rheinbreite hat. An den Ufern sind auschliesslich Parks mit vielen hohen Bäumen und Palmen, viele Leute sitzen da und picknicken, übernachten, pauken, spielen, was man halt so macht. Auf dem Fluß fahren Tretboote, die wie Riesen-Schwäne aussehen. Über den breiten Fluß führen wunderschöne Fußgängerbrücken: Sie sind sehr breit und rechts und links ziehen sich Arkaden über die ganze Länge mit kleinen Durchgängen und Fensterchen – ich könnte mich kaputtfotografieren, weil man alle paar Meter einen anderen Blick auf beide Seiten des Flusses hat und die Menschen in den Arkaden herrliche Motive sind.

Am Nachmittag finde ich mal wieder kein Internetcafe und möchte wenigstens draussen in der Sonne einen Kaffee trinken. Der Perser an sich versteckt sich aber vor der Sonne nach drinnen und trinkt Tee. Der Innenhof eines Nobelhotels scheint für meinen Wunsch wie geschaffen …. Aber auch hier herrscht Siesta bis 17 h! Alternativen zu finden scheint schwer zu sein. Baba fragt Leute, die ihm erklären, wo man draussen sitzen kann. Dann hält er ein Taxi an, um sich zu erkundigen. Ich zerre schnell meinen Fotoapparat heraus, denn so ein verrottetes Auto habe ich im Leben noch nicht gesehen! Schnell knipsen, bevor es wieder abfährt! …Ich hätte mich gar nicht so zu beeilen brauchen – denn baba hält mir die Tür dieses Wracks auf !!!!! Waaaaaasssss ?????!!!! Ist ihm unser Leben eigentlich gar nichts wert??? Da steige ich nicht ein, sage ich! Ist doch nur für ein paar Meter, sagt er und deutet die Strasse entlang. Man muss wissen, dass es im Iran Usus ist, auch für ein paar hundert Meter ein Taxi zu nehmen – das ist der öffentliche Nahverkehr! Aber warum zum Kuckuck müssen wir das schlimmste Taxi aller Zeiten nehmen? Oder ist das ein mildtätiger Gnadenakt, damit der Mann auf ein neues Auto sparen kann??!! Mit angespannten Pobacken versuche ich die Sitzfläche so wenig wie möglich zu berühren … Pilates könnte nicht effektiver sein! Die Anspannung, die meinen Körper beherrscht steht im krassen Widerspruch zu der Instabilität der Karosserie, die derart knarzt und sich beim Fahren in sich verschiebt , dass ich wirklich denke, wir landen mit der Sitzbank auf der Strasse, während der Rest des Autos von uns abfällt – so ein bisschen wie in Herbie-Filmen der 60er Jahre! Oder wie bei Dick & Doof!  Auch verstehe ich nichts von Kupplungen, aber dass diese hier am Boden schleift hör sogar ich!!! Ich zähle die Meter. Oh Gott, warum hält dieses Auto nicht? Warum versucht es nun auch noch, um eine Ecke zu fahren??? Das geht nicht gut !!!!! Ich trau mich nicht, in der Fahrt die Tür aufzumachen, um ein Ende zu signalisieren, weil ich sicher bin, sie dann in der Hand zu haben! Ich rede auf meinen Vater ein. Wieso fahren wir überhaupt so weit? Durch tausend Gässchen? Immer weiter? Wieso endet hier die Stadt? Wieso wird’s hier so grün um uns herum ? Der betuppt uns doch, der Taxifahrer! Komm, versprich ihm ein neues Auto und lass und hier AUSSTEIGEN !!!!!!!!!!! Aber mein Vater ist ein schwacher Mann – vor allen Dingen kann er sich nicht durchsetzen. Auch das habe ich nicht von ihm geerbt… Der Taxifahrer setzt noch einen drauf und will uns im Grünen rumkutschieren – nun werde ich massiv. Wenn das hier voller netter Cafes ist (die ich nicht sehe), dann soll er uns beim schönsten rauslassen. Er tut das tatsächlich. Es gibt nämlich nur eins. Eher ein Platz für Junkies, völlig heruntergekommen! Dreckig. Ich will hier weg. Baba hat aber inzwischen meinen Cousin verständigt, hier raus zu kommen! Da dieser kein Handy hat, müssen wir hier wirklich auf ihn warten! Ich versuche mich zu setzen. Der Teppich auf dem „tacht“ ist inakzeptabel schmutzig. Es wird ein weiterer geholt und drüber gelegt. Er ist fast genauso schmutzig und hat so seltsame Löcher. Ich frage nach. Den Teppich haben sie aus dem Irak, die Löcher seien vom Krieg dort! Haha, wohl eher von verunglückten Wasserpfeifen…! Kaffee gibt es auch keinen.

Mein Cousin (aus Holland) und seine jüngste Tochter (gerade im Iran zu Besuch) kommen tatsächlich in diesem Niemandsland an und holen uns da raus. Ich freue mich sehr, die beiden zu sehen. Nun kann und muss ich viel holländisch reden, denn Melissa (16) spricht kein farsi, kein deutsch und nicht gut englisch. Die beiden wohnen für 2 Tage bei Freunden in Esfahan und ehe ich mich versehe sind wir in diese Sippe eingemeindet. Während ich noch ahnungslos in deren Büro rumsitze, mit Melissa im Internet surfe und dies für eine Stippvisite halte, werden die anderen heimlich über meinen Geburtstag aufgeklärt – und treffen Vorbereitungen…Meine Vorstellung war, dass wir meinen Geburtstag in der schönsten Stadt Irans feiern (und das ist Esfahan definitif, war lange die Hauptstadt!) und zwar in einem Restaurant mit Blick auf die Stadt, wenigstens zum Teil, so dass man eine Vorstellung hat, wo man ist. (Der erste Abend in Esfahan ist ja bereits babas Zeitplan zum Opfer gefallen) Das wird mir auch weiterhin in Aussicht gestellt, während hintenrum etwas ganz anderes läuft. Das ist auch sehr persisch! Es geht nicht darum, was ich gerne möchte an meinem Geburtstag, sondern was diejenigen, die sich gerade selber zum Gastgeber erkoren haben, schön finden. Der europäische Individualismus ist hier unbekannt bzw. wird nicht verstanden. Clash of cultures.

Und so sitze ich ohne den Hauch einer Chance, aus der Nummer raus zu kommen (auch auf baba kann ich nicht bauen!) abends in einem kitschigen Wohnzimmer, in dem alle Möbel mit Plastikfolie abgedeckt sind, Obst und Blumen ebenfalls aus Plastik sind und eine große Edel-Samsung-Glotze mit Hip-Hop läuft. Die Leute sind ja nett – aber im Herzen will ich raus und endlich Esfahan by night sehen!!!

Irgendwann geht’s zu Tisch – und selbst dann nehmen sie nicht die Plastikverpackungen mit den langen Reißverschlüßen von den Polsterstühlen!!! Da setzt man sich drauf!!! Ich wage leise zu fragen, wieso. Damit man sie später wieder wie neu verkaufen kann, flüstert mein Cousin ernst. Die ganze Szenerie ist wie immer in OP-Beleuchtung (weißes Neonröhren-Licht) getaucht und es gibt überbackenen Toast und alkoholfreies Bier. In meiner Verzweifelung trinke ich Anti-Bier-Liese sogar das!

Als ich denke, jetzt ist es spät, jetzt gehen wir – wie immer noch versprochen – raus und nehmen ein Getränk mit Blick auf Esfahan zu uns, rücken sie an mit Geschenken und „Sparkling Peach Juice“ der aussieht wie Sekt und einem herzförmigen Kuchen, auf dem mein Name steht und einer wachsernen „42“, von deren Vier ein Teil abgebrochen ist, den jeder anderes wieder dran kleben will. Sie singen und klatschen und ich soll tanzen. Die Leute sind nett, meinen es sehr gut, es ist ziemlich skuril, ich will sie nicht enttäuschen, versuche, das Witzige an der Szenerie in den Vordergrund zu stellen und mache mit.

Shiraz Samstag, Sep 23 2006 

Wir kommen nachts um 1 h in Shiraz an, fahren direkt zu einer Sandwich-Bude, die einem Freund gehört. Dieser freut sich sehr, verköstigt uns mit Hähnchen und hat ein Hotelzimmer besorgt. Wir sitzen draußen und man merkt nicht, wie spät es ist, weil es eh schon seit 19 h dunkel ist. Dass es irgendwann halb drei nachts ist (unter der Woche wohlgemerkt!) merkt man weder an den Kindern, die rumlaufen, noch an den geöffneten Lebensmittelläden, noch an den Schweißarbeiten, die zwei Männer am Laden nebenan durchführen, noch am Jungvolk, das zum Kebab-Essen kommt und es sich draussen am Tisch gemütlich macht, Jungs und Mädels gemischt! 

Weil meine Nacht in Yazd unterm Sternenhimmel im Innenhof so kurz war, fall ich um vor Müdigkeit. Doch da hab ich Pech gehabt. Das für uns „vorreservierte“ Hotel besteht darauf, dass ich als Ausländerin erstens mehr und zweitens in Dollar bezahlen müsse. Mein Vater und sein Freund diskutieren lange und zwecklos. Versuchen, andere verschlafene Hoteliers anzurufen. Bisschen schwierig um die Uhrzeit, zumal die Shirazi als äusserst gemütliches, arbeitsscheues Völkchen im ganzen Land verschrieben sind. Alles Gepäck wieder ins Auto, Weiterfahrt zum nächsten Hotel. Da winkt uns jemand vom Strassenrand heran. Ein dünner junger Typ mit viel Bart, der seinen Plastikbecher Tee festhält, als besässe er nichts anderes … stimmt vermutlich sogar! Ich wundere mich, warum die Herren um mich herum überhaupt darauf eingehen, dem Tee-Mann zu folgen und sich ein Hotelzimmer anzuschauen. Die „Rezeption“ im 1. Stock eines insgesamt seltsamen Hauses ist vielsagend, das Treppenhaus ist das letzte. Als wir im 4. Stock ankommen und die Zimmertür geöffnet wird, rutscht mir raus: „Warst du schon mal im Knast, baba?!“ Ich bedauere, dass ich keinen Fotoapparat griffbereit habe, aber den Anblick werde ich eh nie vergessen: Drei Feldbetten stehen ohne Zwischenraum aneinandergestellt mit frag-mich-nicht-welchen-Decken drauf und nehmen damit die gesamte Breite, sowie ca. 80% des ganzen Raumes ein! Ganz oben an der Wand, wo keiner drankommt ein vergittertes Fenster! Mehr gibt’s nicht.Baba schaut mich an „Was meinst du?“ Ich finde die Frage allein schon empörend, halte die Klappe und vertraue auf meinen Gesichtsausdruck. 

Wir haben den kleinen Rest der Nacht dann doch noch in dem Dollar-Hotel verbracht und ich wundere mich über die gravierenden Unterschiede zwischen den Hotels und ihren Preisen. Dieses ist teuer und lausig. Wir hauen dort anderntags schnell wieder ab und suchen ein neues. Das ist edel und viel günstiger … Marmor, weisse Ledersessel, Glastische, alles in schwarz, weiss und altrosa gehalten, ein bisschen Persepolis wird angedeutet, dazu die Bilder von Chomeini und Chamenei (ersterer wird immer größer dargestellt als sein amtierender Nachfolger – das ist er für die Leute auch!) und zu dieser Mixtur ertönt als Hintergrundmusik die persische Fassung von „Nothing else matters“!!!!!Wären wir doch gleich hier gelandet. Vorreservierungen sind im Iran nicht üblich, erfahre ich, es sei denn, man macht einen Vertrag mit einer Reiseagentur. Auf Zusagen am Telefon kann man sich nicht verlassen. Im Prinzip muss man einen Freund, der vor Ort ist, ins Hotel schicken und reservieren lassen, aber richtig sicher ist das auch nicht. Ich komme mir ganz schön deutsch vor…. 

Wir bewegen uns per Taxi durch die Stadt – das ist unglaublich billig. Die offiziellen Taxis nehmen mangels Touristen derzeit die gleichen Billigpreise wie private Taxis, die man nur daran erkennt, dass sie vor einem halten, wenn man am Strassenrand steht. Es sind Privatleute, die von jetzt auf gleich entscheiden, ob sie für die Leute die da stehen, Taxi spielen wollen.So kommen wir für wenige Cent zur Grabstätte von Hafez. Diese ist in einen schönen Park eingebettet mit Blumen und schattenspendenden Bäumen und hat eine sehr friedvolle Atmosphäre. Das Areal ist eingezäunt und es kostet Eintritt, aber der ist wie immer hier verschwindend gering und mein Vater mit seinem Renterpass kommt sowieso umsonst rein. Das Grabmal selber ist eine erhöhte Marmorplatte auf einem Sockel in die seine Verse eingraviert sind. Darüber erhebt sich auf Säulen eine wunderschöne Kuppel, die an jene in den Moscheen erinnert – reich verziert. Ein paar Stufen führen zum Grabmal hinauf. Wenn man dort hinaufgeht, begrüßt man ihn mit „durud Hafez!“. Die eigentliche Begrüßung „salaam“ wäre für den Jahrtausend-Dichter zu schnöde. Dann fasst man die Marmorplatte an, die meissten legen einen Finger drauf, und murmelt Koranverse in sich hinein. Ich frage, warum sie nicht passenderweise Hafez’ Verse murmeln? Naja, sagt baba, was die Leute wirklich tun, weiß man nicht – es ist wie immer! Hafez ist zwar seit 600 Jahren tot, wird hierzulande aber unglaublich verehrt und ist auch im Alltag in aller Munde! Im hinteren Teil des Parks eröffnet sich wieder unerwartet ein sehr schöner teils schattiger, grüner Innenhof mit Springbrunnen, Liegestätten mit ihren dicken roten Kissen (sie heißen „tacht“ – also Thron!), Sitznischen … hier könnte ich ewig bleiben, in Ruhe lesen und den ganzen Tag mal dieses trinken, mal jenes naschen, dazu die Wärme  … hach!!! 

Lange kann ich nicht so rumdösen, weil mich ein paar junge Mädels mit ihrer Familie entdecken und über mich und Deutschland und das miese Image des Iran Löcher in den Bauch fragen. Sie sind um die 18, gut gebildet, wissbegierig und temperamentvoll. Wie hierzulande üblich werden sie zur Uni gehen (60% der Studenten sind Frauen, auch in den technischen Fakultäten!) und dann der großen Tradition nachgehen und eine Familie mit Kindern gründen, weil das für sie das einzig Wahre ist, weil sie so aufgewachsen sind, immer innerhalb der Familie ihr Leben bestreiten, durchaus ihre Cousins heiraten, sich nur dort wirklich gut und sicher fühlen. Man kapiert das, wenn man hier selber eine Familie hat und das „Innenverhältnis“ im Vergleich zu aussen erlebt. Freunde haben einen anderen Stellenwert als bei uns. Weil die Familie klar den höchsten Stellenwert hat. Bei einer 150-Mann-Hochzeit sind vielleicht 3-4 Freunde dabei, so sind in etwa die Relationen. 

Wir fahren zu einem Basar, erst ist Siesta-Zeit, die Händler schlafen auf ihren Reis- oder Gewürzsäcken, Teppichen, Stoffballen, Kleidern oder was auch immer sie eigentlich verkaufen. Manchen breiten im Laden ein paar Zeitungsblätter aus, setzen sich im Schneidersitz drauf und essen perisches Fast-Food (Reis mit irgendwas). Manche Händler verhängen ihren Verkaufsstand mit einem großen weißen Tuch, andere habe einfach weiterhin auf. Es herrscht dennoch angenehme, entspannte Atmosphäre, es riecht nach Kardamom, Koriander und anderen Gewürzen und irgendwie spürt man doch, dass es hier bis vor kurzen noch laut und hektisch zugegangen sein muss. 

Wir kommen an einen Parfumladen, der hübsche Flakons hat und unerträglich nach allem gleichzeitig riecht. Die Verkäuferin erklärt mir, wie man das überlebt und hält mir eine Glasschale mit etwas Braunem unter die Nase…. Kaffeepulver! Lecker!!! Tja, sagt sie, wenn sie Kunden mehrere Düfte vorführt, dient der Nasen-Ausflug in den Kaffee-Pott als Neutralisation! Wie schlau ! 

Diese verschlafene vierstündige Mittagszeit nutzen kleinen Jungs und Mädchen, ihren Blödsinn auf die leeren, staubigen, sonnengesprenkelten Gewölbegänge des Basars auszuweiten. Niemand stört sie dabei und es weht eine beneidenswerte Atmosphäre von Freiheit um sie herum… 

Plötzlich stehen wir in einem großen Hof, rundherum Basar-Läden, viele Bäume, in der Mitte ein großes Wasserbecken mit Springbrunnen, im 1. Stock auch Läden, verhängt mit hellen großen Tüchern, aussenrum eine Ballustrade. Dort schlendern wir in der Mittagshitze entlang, und gucken in einem winzigen Laden zwei Handwerkern auf die Finger, die die „Chotam“-Technik beherrschen – das sind millimeterdünne Zierleisten, die meisstens zur Verzierung für Spiegel, Bilderrahmen, Schachspiele und Dosen angefertigt werden. Sie erklären uns, wie sie sie aus Kamelknochen, verschiedenfarbigem Holz und Messingdrähten in einer unendlichen Kleinarbeit herstellen und dann in dünne Scheiben schneiden, brechen Leisten durch, feilen sie an und zeigen uns die hauchdünnen Querschnitte. Ich bin froh, hier immer etwas zu naschen dabei zu haben, so kann ich süsses Brot rumreichen, während sie ihre Arbeit für uns unterbrechen und Anschauungsunterricht geben. Am Ende bekomme ich die Leisten geschenkt. 

Wenn ich den Palast von Karim Khan e Zand (über 500 Jahre alt) mit seinen Orangenbaum-Alleen anfange zu beschreiben, wird der weblog zu lang … wir waren dort eine ganze Weile drin und ich habe sehr schöne Bilder, auch von der dortigen Ausstellung alter Fotografien! In den weblog stelle ich u.a. mein Lieblings-Bild: Das Hamam des Khans! 

Apropos Hamam (Dampfbad): Abends waren wir in einem!!! Aber nicht zum Schwitzen! Zum Essen! Babas Freund hat es sich nicht nehmen lassen, uns in ein ehemaliges großes, wunderschönes Hamam einzuladen, in dem er früher Preise errungen hat (im wahrsten Sinne – er war Ringer!), als es noch eine öffentliche Sporthalle war … vor ca. 40 Jahren. Heutzutage ist es ein sauschönes Restaurant und – Regierung hin, Verbote her – da sitzen tatsächlich Musiker und spielen ganz herrliche persische Weisen. Die Gäste kennen so ziemlich jedes Lied und man spürt körperlich, dass sie kurz davor sind, aufzuspringen und zu tanzen. So klatschen und pfeifen sie nur und schnippen so komisch mit den Fingern, wie auch ich das inzwischen lernen musste – sonst ist man nicht echt! Am späteren Abend steigert sich die Spannung, die Lust sich zu den vertrauten, geliebten Klängen zu bewegen derart, dass es sich da Bahn bricht, wo die Kontrolle am ehesten kippen kann – bei den Kindern! Drei, vier Kinder in verschiedenen Ecken des Lokals halten es nicht mehr aus, steigen auf die Tische und tanzen orientalisch…. aber WIE!!!! Jungs wie Mädels, die nicht älter als fünf sind und sich bewegen als seien sie zwanzig Jahre älter, holla !!!!!! Schwer, sich vorzustellen, ist mir klar! Kein Touristen-Gag! Alle sind wie aus dem Häuschen und wie die Eltern stolz auf die Kleinen. Nachdem ich erst nicht glauben kann, was ich da seh und dann begeistert bin, bleibt mir irgendwann das Lachen im Halse stecken. Todtraurig ist das hier im Lande, dass alles, was Spass macht, verboten wird, dass das Volk es wie so vieles andere hinnimmt – und dann die Kinder stellvertretend und halblegal das ausdrücken, was nicht sein darf.Ich weiss nicht, ob rüberkommt, was ich meine. Ich sehe und begreife hier mehr, als ich aufschreiben kann und vielleicht ist eine solche Überlegung jetzt nicht nachvollziehbar?Dieses Thema berührt eine prinzipielle Haltung der Perser, die mir täglich begegnet, die ich versuche zu begreifen und die tief in der Geschichte des Volkes verwurzelt ist. Ich nenne es salopp für mich die „Opferlamm- und Inshallah-Haltung“, aber das bedarf der Erläuterung. 

Da babas Freund auch hier Freunde hat, bekommen wir vom Koch eine kleine Spezial-Führung hinter die Kulissen, also durch das gesamte Hamam! Nach dem Essen kommt ein Calligraph an unsere persische Liegewiese („tacht“!), babas Freund schmettert ihm einen Hafez-Vers an den Kopf, der Schreiberling zaubert mit seiner Tusche –fertig ist das Kunstwerk! Und schenkt es mir! Während ich versuche, die Schnörkel zu lesen, hauen sich die Herren immer weiter inbrünstig Hafez-Verse um die Ohren, beweisen einander ihr Wissen und ihre Liebe zum Dichter und kriegen feuchte Augen. Am nächsten Morgen kaufe ich einen Chotam-Rahmen für das Kunstwerk! 

So war Shiraz! 

Wo man so zum weblog schreiben kommt… Dienstag, Sep 19 2006 

Wo man so zum weblog-schreiben kommt…

… ich throne wie Queen Elizabeth auf ihrem königlichen Elefanten im hochgebockten Wagen mit dem Laptop auf den Knien, während baba und ein vom Abendessen weggezerrter Mechaniker sämtliche Reifen daran austauschen! Mal werde ich hoch gehebelt, mal saust es ganz schön wieder runter, wenn es sehr doll wackelt, hopsen sie auf den Kreuzschraubschlüsseln rum.
Draußen ist es dunkel und wird überraschend kalt. So habe ich wenigstens etwas Warmes auf dem Schoß!
Warum alle Reifen? Es ist schon wieder einer geplatzt! Selbe Stelle – der just Ersetzte nämlich! Da wir eigentlich auf den anderen Hinterreifen gewettet hatten, der als nächstes platzen müsste, weil er einen fünf-Mark-Stück-grossen Flicken aufweist, der wie eine Riesenpocke aussieht, hat baba nun ein Einsehen und besorgt unter Aufrütteln einer ganzen verschwägerten Reifen-Clique im nächsten Städtchen tatsächlich zwei neue Reifen. Die neuen vorne drauf, die anderen nach hinten.
Deshalb rumpelt es hier so.
Ach ja, und weil sie keine Hebebühne haben, sondern alles im Schein einer kleinen Leuchte am Boden erledigen!

Diesmal geschah es auf der belebten zweispurigen Autobahn nach Shiraz, praktischerweise waren wir gerade auf der linken Spur und hatten keine Chance mehr auf einen anständigen Straßenrand…! Da ist es auch nett zu wissen, dass man schon so lange vorher angeblinkt und angehupt wird, bevor sie einen dann doch überfahren wollen!
Diesmal war’s noch ein bisschen später am Tage und wir mussten uns ziemlich beeilen – um 18.30 h ist quasi nichts mehr zu sehen, so dunkel ist es, weil unbeleuchtet.
Wegen der schlechten Strasse stand das Auto ein bisschen schräg – aber zum wagenheberkurbeln genau in die flasche Richtung! Wieder hieß es , ich könnte nichts helfen und so machte ich mich auf den Weg in die Pampa, um dem nächsten öffentlichen Klo vorzubeugen. Und während ich mich weit von der Autobahn entfernte, kam ich plötzlich an eine Ansammlung von Kulen, quasi Erdlöcher, die einen mit Holz abgestützten Eingang hatten und íns Erdinnere führten. Das fand ich spannend. Hatte leider keine Taschenlampe dabei. Aber wer oder was soll da schon drin sein dachte ich? Zieh also den Kopf immer mehr en, um so mehr ich im Eingang verschwinde – da wird’s mir plötzlich doch mau: Da blitzen mich zwei Augen an!!! Oder sind es zwei Diamanten, die da zufällig nebeneinander liegen? Ja, im Ernst, auf so ne Idee kam ich, weil es so funkelte! Im Weiterschleichen dachte ich „Bitte bitte, lass es Juwelen sein oder ein Tier, mit dem ich fertig werde!!!“ Es dauerte lange bis ich ran war. Bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Bis ich endlich raus hatte, was mich da so anfunkelt. – Chio Chips! Ne Tüte! Der übliche persische Dreck! Zum Zustand dieses Landes passt das wie die Faust aufs Auge: Herrliche Kulturgüter und alles, was man darin entdeckt ist Abfall, der auch noch sehr westlich aussieht.
Die Böden sind mit etwas weichem grünen ausgelegt und ich denke, nachdem ich die ca. zehn flachen Behausungen und Erdlöcher inspiziert habe erstens an Saddam Hussein und zweitens, dass wir hier zur Not gut geschützt übernachten können, wenn das mit dem Wagen nichts mehr wird. Als ich zurück komme, sieht es auch ganz danach aus. Baba ist noch keinen Schritt weiter als vor meiner Erkundungstour. Ich erfahre mit Mühe, dass seine Konstruktion, die Wagenheber auf Steine zu stellen, zu wackelig war und ihm der Wagen wieder runtergesaust ist. Nun mische ich mich ein, schleppe Steine herbei und beäuge das Manöver bis zum Schluß.

Und so kamen sie schliesslich zu neuen Reifen und fuhren weiter nach Shiraz 

Ab gehts nach Yazd Montag, Sep 18 2006 

Bei Stadt-Land-Fluß hätte ich „Yazd“ auf jeden Fall genommen, denn ich wusste, dass es eine Stadt im Iran ist. Das war aber auch schon alles. Ich hätte mich auch gar nicht drum gerissen, hinzufahren, wenn uns nicht der Tipp von dem Reisebüro-Menschen gegeben worden wäre, der sich um mein Visum gekümmert hat. Zudem sei es die Stadt der Kekse und dann war’s natürlich keine Frage mehr!

Unsere Reifenprobleme werden im nächsten Städtchen von einem Elfjährigen behoben. Ihm assistiert ein Achtjähriger. Erwachsene sind nicht zu sehen. Nur zwei, drei noch kleinere Jungs – die machen gerade ein Praktikum!

Ich guck mich währenddessen um. Der Dreck im Wasser der breiten Bürgersteig-Rinnen tut einem ehrlich weh. Viel Plastik. Flaschen, Chipstüten, das übliche. Aber soviel direkt vor ihren Haustüren? Gut finde ich die Trink-Anlagen: Überall gibt es auf halber Höhe am Strassenrand kaltes klare Trinkwasser aus 3 bis 4 Hähnen, an dem sich die Leute bedienen können. Manchmal steht an den Kästen dran, wer der Stifter war, meisstens nicht. Es hilft sehr in einer Gegend, in der es monatelang nicht regnet! Aber auch in Teheran sind diese Trinkstellen zu finden.

Auf der Weiterfahrt fängt das Auto plötzlich an zu rucken und zu spucken und ist immer weniger bereit, dem Gas-Fuß zu gehorchen. Sprich: Es ruckelt uns zum Stillstand.
Natürlich befinden wir uns gerade am Rande der größten Steinwüste Irans (Dascht-e-Kavir), an deren Rand wir den ganzen Tag entlang fahren. Natürlich ist wiedermal fast niemand unterwegs. Baba vermutet Dreck im Benzin, oder Vergaser, Filter, wasweissich … Abkühlen hilft dem Motor schon mal und durch diverse Experimente nehmen wir tatsächlich irgendwann auch wieder Fahrt auf. Der Rosenkranz am Spiegel scheint bei diesem Auto so seine Berechtigung zu haben… Mir war übrigens gar nicht klar, dass Moslems den auch benutzen. Inzwischen weiss ich dank Internet, dass auch Juden und Buddhisten den Rosenkranz haben.

Als wir in Yazd ankommen, ist es mal wieder stockdunkel, aber an den beleuchteten Plätzen kann man sehen, wie schön die Stadt sein muss! Durch den Freund eines Freundes (wie immer) geraten wir an Hotel Rose. Wenn man in eine Gasse fährt, in der man ausser hohen Mauern nichts, aber auch gar nichts sieht, kann man davon ausgehen, dass dahinter etwas sehr schönes ist – das merkt ich immer wieder. Den Eingang zum Hotel Rose würde man noch nichtmal erkennen. Dann geht man durch einen langen schmalen Korridor mit Türen aus buntem Glas. Noch um eine Ecke rum, da ist der Empfang – sehr hübsch! Wenn man dann noch mal ums Eck geht – dann steht man völlig sprachlos da!
Ein Innenhof, ein Atrium, ein Springbrunnen, rötlich angestrahlter Arkadengang, überall Laternen, Rosen, mit Teppichen ausgelegte erhöhte Liegestätten, aber auch Tische und Stühle wie im Restaurant, ein Gang rundherum mit wunderschönen Türbögen aus buntem Glas – ich krieg mich gar nicht mehr ein. Erstrecht nicht als ich kapiere, dass dies nicht eine Art „Lobby“ ist und die Zimmer irgendwo weiter hinten sind …. die Zimmer befinden sich direkt hinter den Glastüren!!! Man kann vom Bett aus auf den Hof schauen! Es ist zum schwachwerden!
Wir werden auch schwach, kaufen uns eine große Schachtel gemischter Yazd-Kekse (unbeschreiblich lecker!!), speisen am Tisch zu Abend und lassen uns dann mit den Keksen und selbstgebrautem Kaffee (!) auf einer Liegestatt nieder. Hier draussen hätten wir auch jederzeit geschlafen!!!
Ich will gar nicht ins Bett und sitze noch bis 3 h in der Nacht und staune und genieße.

Am nächsten morgen lassen wir uns von Hadi (der Freund eines Freundes!) durch Yazd führen. Wir sehen das „Feuerhaus“, in dem seit 1000 Jahren dasselbe Feuer brennt und an dessen Wänden Verse von Hafez und Zarathustra hängen. Dann bringt er uns in eine Moschee. Auf der Fahrt dorthin, will ich schon ständig aussteigen, weil ich so tolle Gebäude sehe, die er einfach links liegenlässt. Vor der Moschee angekommen, verstehe ich warum! Das Portal ist das höchste einer Moschee im Iran und in seiner lapislazuliblauen Machart äusserst beeindruckend! Allein die riesigen mosaikgeschnitzten Holztüren! Vor jeder Moschee ist ein großes Wasserbecken, in dem die Leute, die zum Gebet kommen, sich Hände, Füsse und Gesicht waschen müssen. Ich lerne, dass die Wascherei und andere Vorbereitungen länger dauern als das Gebet selber, dass nämlich nur maximal 5 bis 7 Minuten in Anspruch nimmt.
Hadi wandert mit uns durch die Moschee und erklärt alles: Das ausgefeilte Belüftungssystem, wie man das Licht so bündelt, dass der Mullah immer angestrahlt wird, wie man die Akkustik gestaltet hat, damit sich der Schall über die ganze Moschee erstreckt (heute per Lautsprecher), was mich irgendwie an das Dach der Philharmonie erinnert, aus welcher Baumwolle die Bet-Teppiche gemacht sind, damit sie den Betenden im Sommer kühlen und im Winter wärmen…. hier vereinigt sich eine beeindruckende Fülle von Wissenschaften!
Ich erlebe das Mittagsgebet! Wie in der Kirche ist der Mullah vorne und betet vor, dann kommen Reihen von Männern (stehend, knieend, liegend – das wechselt in den paar Minuten Gebet oft!), dann Frauen (theoretisch – es waren heute keine da). Alle barfuß.
(Ich stehe weiter weg und darf diskret fotografieren.)
Für die Frauen gibt es nicht sichtbare Seitengänge, die sie benutzen, wenn sie Fragen an den Mullah haben, damit sie nicht durch die ganzen Männerreihen latschen müssen. Die Seitengänge kommen vorne unmittelbar beim Mullah raus!

Hadi führt uns durch diese höchstens zweigeschossige Stadt mit ihren rötlich-gelben Flachdach-Bauten, durch Gassen in einen Hinterhof und rein in ein unscheinbares Teppichgeschäft. Ha, denke ich – der Freund eines Freundes will auch Geschäfte machen? Ich bin überrascht, wie unaufdringlich die Besitzer dort sind – wir sind nämlich gar nicht wegen der Teppiche hier, nein nein – Hadi will mit uns nur auf deren Dach, weil man von dort so einen tollen Ausblick auf die Stadt hat !!!!
Und überraschenden Einblick auf einen Innenhof mit Springbrunnen, in dem es alte Keramik, Kelims, Schmuck und tausenderlei andere schöne Dinge gibt !! Wieviele solcher Innenhöfe mag es hier noch geben ???!!!

Der nächste Abstecher bringt uns zum Basar – es ist Siesta-Zeit (von 13 h bis 17 h) und so können wir viel Architektur bewundern, weil nichts anderes ablenkt.
Es sind so viele (überdachte) Bogen-Gänge und Abzweigungen, dass man sich komplett verlaufen und lange darin unterwegs sein kann. Hin und wieder rauschen Mopedfahrer da durch. Mal gibt es Ausgänge nach draussen, mal muss ein Teil komplett ausgeleuchtet werden, weil es keine Fenster gibt. Wir kommen an einem echten alten Bäcker vorbei, der in zwei Öfen gleichzeitig backt – das heiße Brot haben wir im Nu verputzt !!!!!
Weil wir dazu etwas zu trinken brauchen, führt uns Hadi noch um 3 Ecken – und peng! Wir stehen in einem unglaublich schönen, uraltem Innenhof!! Segeltuch als Schattenspender halb über den Innenhof gespannt, Wassergeplätscher, Friede, Liegestätten, Wärme, Prinzessinnen-Dasein!

Und so blieben sie denn dorten und hieben sich den Bauch mit warmem Brot und kaltem Doog voll, bis sie platzten ;-)

Abyaneh Montag, Sep 18 2006 

Abyaneh

Am nächsten Morgen erwachen wir in einer roten Stadt ! Alles ist rot: Häuser zum Teil kaminrot (so hieß jedenfalls die Farbe in meinem Tuschkasten, die mich daran erinnert), sonst rostrot, die Felsen und Berge ebenso. Wir rollen vom Hotel aus runter zur Ortsmitte und wollen uns nur ein bisschen umschauen. Es muss ja immerhin noch auf dem Weg eine Werkstatt gefunden und dann 400 km zum nächsten Zielort gefahren werden (was hier ja wesentlich länger als 4 Stunden dauert!). Wir schlendern in ein Gässchen rein – und da zieht es uns tief in die Faszination dieses Dörfchens.

Der ganze Ort besteht aus kleinen, flachen Lehmbauten. Man nehme Lehm, man nehme Stroh – fertig ist die Baumasse. Den Rest erledigt die Sonne, in der die Melange quasi gebacken wird. Dieser Ort Abyaneh ist 2000 Jahre alt und die Leute hier leben so ein bisschen wie damals. Es gibt Strom und auch ein paar Autos. Wir schätzen, dass es mit Kind und Kegel vielleicht tausend Einwohner hat, denn es sind unendlich viele kleine rote Behausungen, die an einem Berghang kleben. Die Gassen gehen rauf und runter, mal breiter, mal schmaler, herrliche Torbögen, Haustüren gleichen Schranktüren aus dickem alten Holz, wenige Häuser haben knorrige Balkone am ersten Stock hängen, die nicht vertrauenswürdig, aber sehr hübsch aussehen. Es gibt ein Gässchen wie ein Tunnel, recht lang, niedrige Decke und sehr eng – zwei Leute können kaum nebeneinander gehen. Baba erzählt, dass man Leute, die sich zerstritten haben, gemeinsam durch solche Gässchen schickt – durch die Enge kommen sie sich unweigerlich so nahe, dass sie sich wieder vertragen müssen. (Schöne Idee, aber kann das nicht auch ins Gegenteil,umschlagen ???)

Wir bewundern uralte Reistöpfe auf Feuerstellen, Wasserläufe, Ornamentik, Esel, Hutzelmütterchen und klapperdürre Männlein, Kinder in traditioneller Kleidung (große weiße Kopftücher mit Blumenmuster, pinkefarbene Oberteile, schwarze Röcke, weisse Strumpfhosen) und recht viele Touristen, die sie immer wieder fotografieren. Die Kinder lassen es brav über sich ergehen, denn der Tourismus ist hier die wichtigste Ressource. Es sind übrigens nur Touris aus dem eigenen Land da. Zu der ganzen Szenerie gibt es viel Sonne, viel Staub, viel Wärme und über das Örtchen schallende Klagelieder. Erst dachten wir, der Muezzin hätte sich um eine Stunde vertan, dann kamen wir aber an einem Haus vorbei, in dem getrauert wurde – eine Frau war gestorben und ihr zu Ehren gibt es den Gesang.

Dann kommen wir an eine Moschee und nachdem mein Vater getestet hat, ob da auch Frauen ohne Tschador reindürfen, habe ich Zutritt. Im Innenhof geht es lustig zu, Kinder kreischen, planschen am Wasserbeckenrand und es ist jede Menge Trubel. Eine Wand hängt voller Bilder derer, die man anbeten könnte. Weiter innen beten manche vertieft an plastikblumenbehängten Heiligkeiten.

In einem Laden (von aussen sind sie selten als solche zu erkennen) läuft eine DVD über den Ort. Wir erwischen gerade die Szene, als ein Trauerzug durch die menschenvollen Gassen zieht, 10 Männer auf den Schultern eine riesige Holzkonstruktion mit der Leiche tragen, auf der abschüssigen Gasse plötzlich ins Straucheln geraten und mit Holzkonstruktion, dem Toten und ordentlich Schmackes auf die Trauernden zu fliegen! Ein vielfaches Quieken, Aufschreien, helfende Hände, stützende Arme – die Katastrophe wird im letzten Moment aufgefangen. Doch die Szene hat etwas so urkomisches, dass wir schnell aus dem Laden rausmüssen….

Vorher habe ich dort sogar ein Poster gekauft, auf dem man das ganze rote Dorf am roten Hang sehen kann – so schön ist das!

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