Abschied
Ich hätte noch soviel schreiben können, wollen, sollen …. Doch der weblog (also ich) hatte nicht den Anspruch, einen kompletten Abriss über den Iran zu liefern. Wer kann das schon. Immer wieder wird mir hier bestätigt, dass die Leute zwei Gesichter hätten – nicht böswillig, sondern um in diesem Regime überleben zu können. Krieg da mal was Vernünftiges aus den Leuten raus…. Ich konnte nicht alles aufschreiben, was ich sah – wer hat auch soviel Zeit zum Lesen? Aber es ist alles in meinem Kopf und wenn jemand von mir irgendetwas wissen möchte, freu ich mich und erzähle. Auf Monate hinaus werde ich dabei persische Süßigkeiten anbieten können … ein Koffer ist nur damit voll!
Mein farsi ist wesentlich besser geworden. Ich verstehe an einem Abend mit zig Gästen aller Altersstufen schon recht viel und mische auch gut selber mit – einmal hab ich sogar nen Witz erzählt….
Längst kann ich Geröllhalden von Geschäften unterscheiden. Im Auto werde ich auf meinem Sitz immer noch durch die Gegend geschüttelt, nun aber ohne mir dabei auf die Zunge zu beißen! Ich bin daran gewöhnt, dass die meisten Backstuben so aussehen, wie ich mir Gefängnisse aus Uralt-Western vorstelle, so karg und vergittert sind sie. Und die Dorf-Friseure wie vor 100 Jahren… Müßig zu erwähnen, dass man dort natürlich nie Frauen sitzen sieht … sie werden in nicht einsehbaren Räumen frisiert. Und wenn ich schon dabei bin: Bis auf die Haare aufm Kopp und Bärte rasieren sich viele Perser bzw. stutzen die Körperhaare auf Kornlänge! Das war früher gegen die Läuse wichtig und heute tun es die meisten eben immer noch. Auch die Mädels – ich habe schon sehr oft überraschend einen rasierten Unterarm angefasst!
Auch lache ich mich im Restaurant nicht mehr schlapp, wenn ich vom Kellner nach dem Essen einen Zahnstocher und einen Bananen-Kaugummi gereicht bekomme! Ersteres für die Kebab-Reste – klar – , aber Zweiteres gegen die Knoblauch-Fahne! Ich mag beides nicht, bringe aber Anschauungsstücke mit.
Dieser Text aus der Serie „wo man so zum weblog schreiben kommt“ entsteht übrigens gerade im Norden Irans am Schreibtisch im Ausstellungsraum eines Möbelgeschäfts. Das Geschäft gehört einem Mann, der meinem Vater Geld schuldet und ihm stattdessen ein Grundstück seines Cousins anbieten will, weshalb die zwei mal eben für ne (persische!) Stunde zum Objekt rausgefahren sind, während ich in Steckdosennähe bleibe, um endlich mal weiter schreiben zu können. Indem ich dies tippe, kommt eine Kundin rein und möchte von mir beraten werden! Na schön, seh ich eben aus, wie eine Möbelverkäuferin….?! Ich lasse sie höflich ihre Wünsche zu Ende formulieren und hole dann jemanden aus der Schreinerei, die nur durch eine mit Polsterstoff bezogene Wand vom Verkaufsraum abgetrennt ist, so dass man die entsprechende Geräuschkulisse auch gleich im Laden hat!
Draußen regnet es eine halbe Stunde lang ziemlich heftig. Niemand hat einen Schirm. Erst später am Tag sehe ich einen Händler hektisch einen ganzen Kofferraum voller Schirme ausladen … diesen Artikel kann man hier getrost monatelang einmotten.
Wieder zurück in Teheran wollten wir nur eine Cousine mit ihren beiden Töchtern besuchen … an dem Schuh-Haufen vor der Wohnungstür hätte ich schon merken müssen, dass es doch mehr Leute sein müssen … Es waren 34 ! Die wollten mich vor Abflug noch mal sehen … .
Ich hatte im ersten weblog erwähnt, dass meine Ankunft gefilmt worden ist – der Film ist inzwischen professionell geschnitten, mit Musik unterlegt und wirklich klasse geworden! Wir alle haben ihn gestern geguckt – richtig spannend und liebevoll gemacht! Der „Regisseur“ (mein Großcousin) kommt nachher noch hier vorbei und bringt mir eine Kopie davon! Ein anderer bringt noch schnell eine CD mit Fotos und Filmen von unseren Abenden in Hadji Kolla. Und ein dritter stellt mir noch gerade noch eine CD mit persischer Musik zusammen. Bei sovielen auf-den-letzten-Drücker-Aktionen fühle ich mich auch sehr heimisch
Ein Schlusswort für so eine Reise ist mindestens ebenso schwer, wie Anfangs etwas in Worte zu packen, was man nur selber erleben und fühlen kann. Aufgeschrieben kann soviel Gefühl meiner Familie und der Freunde schnell kitschig oder übertrieben wirken – so wie man manchen Sonnenuntergang einfach nur genießt und auf Fotos verzichtet, weil es auf einem Bild zu „gemalt“ wirken und der Sache nicht gerecht werden würde. Nur wenn man dabei ist, da drin ist, merkt man, dass das alles echt ist – und selbst dann kann man es noch nicht fassen.
Sonntag bin ich wieder daheim.
Inshallah









