Nach der Iran-Rundfahrt und der Geburtstagsfeier brauche ich erstmal Urlaub … Natürlich sind wir jeweils abends eingeladen, aber tagsüber genieße ich das kopftuch- und mantelfreie Sitzen im Teheraner Vorgarten mit Lesen und Schreiben und gehe nur für kleinere Vorhaben raus, wie Besuch im Teheraner Basar in der alten Innenstadt oder Palast-Museum von Vater Schah angucken. Es ist nicht mehr so heiß, aber immer noch ist ein Unterhemd unterm Mantel fast zuviel !
Dass ich nicht mehr jeden Tag in einer anderen Stadt bin, schärft die Sinne auch wieder für die kleinen Dinge um einen herum.
Mehrmals täglich hört man die Alarmanlagen von Autos, die sich wie von Eltern verhasstes Kinder-Spielzeug-Gedudel anhören – so übertrieben klingen die lächerlich häufigen Wechsel der Ton- und Rhythmusfolgen!!! Habe ich erwähnt, dass die Polizei im Iran brav Mercedes fährt?! Und dass die meissten Taxis weiß-grün sind und somit immer erstmal an Polizei erinnern … außer, dass Taxis niemals Mercedesse sind!
Habe ich von den Leuten auf den Straßen geschrieben? Dass man – logo – keine Bierbäuche sieht und eh die meissten Männer eher schmal sind ??!!! Dass Frauen oft Hand in Hand gehen? Dass Männer sich viel mehr anfassen als bei uns? Dass Paare sich in der Öffentlichkeit quasi nie berühren? Dass einige weiße Handschuhe tragen – manche aus Religiosität, manche aus hygienischen Gründen? Dass ich ganz selten mal jemanden mit einer Staubmaske über Mund und Nase sehen? Dass so ziemlich alle Frauen, die nicht Tschador tragen Jeans anhaben deren Hosenbeine weit umgeschlagen sind, wie bei uns, dazu Sneakers und natürlich die riesigen Sonnenbrillen, die gerade en vogue sind ?! (Einige ziehen auch noch Schirmmützen aufs Kopftuch…) Dass manche unterm Mantel ebenfalls bauchfrei tragen und Bauchnabel-gepierct sind? Dass man kein Militär, sondern nur ein paar Verkehrspolizisten in weißer Uniform mit schräger blauer Schärpe sieht? Dass die „Wächter“ in zivil rumlaufen, man also niemals weiß, ob man gerade beobachtet wird ?! (Ein sehr unangenehmes Gefühl – ich kriege das erst mit, als ich den Innenhof des Teheraner Basars inkl. Moschee fotografieren will, ein Verbots-Schild sehe und zu baba sage „Ist ja eh kein Polizist hier“ …da erst macht er mich auf die unsichtbaren Wächter aufmerksam!)
Und hab ich erzählt, dass auf der Straße quasi niemand raucht, dafür jeder zweite handy-telefoniert und die ganz wichtigen Jungs mit dem Bluetooth-Teil am Ohr rumrennen, auch wenn sie gar nicht telefonieren?
Auch schön zu beobachten ist der Hype um die Serie „Nargess“: Jeden abend um 22.30 h klebt die Nation (Männer wie Frauen, jung wie alt!) an der Glotze (die eh immer und überall läuft) und ist für eine Stunde (mit Werbeunterbrechungen – die Werbung ist auch nicht besser als bei uns) völlig absorbiert von dem Schicksal einer jungen Frau „Nargess“ und ihrer Familie. Es ist immer tragisch bis dramatisch, die Musik dito, gelacht wird nie, dafür gibt’s viele ernsthafte Gespräche und Telefonate und immer ein besorgtes Gesicht eines Familienmitgliedes im Hintergrund – einfach köstlich! Sie sprechen dankenswerterweise so langsam und ohne Akzent, dass ich sogar einiges davon verstehe. Nach der Hälfte des Drehs starb zufällig die Hauptdarstellerin (Verkehrsunfall glaube ich – das muss hier eh die häufigste Todesursache sein, wenn man sich den Verkehr anschaut!!!). Sie wurde ersetzt durch eine hübschere, wie ich finde, und den Nargess-Hype hat dieses echte Drama eher noch beflügelt.
Mein Eindruck ist eh, dass die Perser sehr auf Dramatik stehen. Auch wenn die wenigen Nicht-Nargess-Gucker die Köpfe schütteln – sie haben ab 22.30 h keine Gesprächspartner mehr! Man kommt hier nicht dran vorbei, denn ALLE hocken gebannt vor der Glotze, im Restaurant wie in der Familie – so sehr man auch sonst um Gäste bemüht ist und alle 15 Minuten etwas anderes zu essen/ trinken anbietet … Nargess beschert eine Stunde „Karnickel-Starre“!
Zu allem Überfluss erfahre ich auch noch, dass der Regisseur dieser Star-Serie ein Mitglied meiner Familie ist! Mit dem allerdings niemand Kontakt hat! Kein Wunder – wer so erfolgreiche Serien produziert, muss das sehr regimegetreu tun …
Mit den Widersprüchen im Lande muss man erstmal klarkommen. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, WMF-Geschäfte zu sehen, einen Tchibo-Laden sogar (!), eine riesige Leuchtreklame auf einem Teheraner Hochhaus von Villeroy & Boch (übrigens besteht Teheran ca. zu 50 % aus Hochhäusern) … als ich aber in einer Konditorei eine Torte mit Halloween-Kürbis-Fratze sehe, raffe ich nicht mehr, was die hier eigentlich wollen und was sie verteufeln … wie denn nu ????
Finde auch schwer zu begreifen, dass Frauen in der Öffentlichkeit unbedingt den Allerwertesten bedeckt halten müssen, während sämtliche Klamotten-Läden auf dem Gehsteig vor ihrem Geschäft die Hosen an wohlgeformten Schaufensterpuppen-Unterteilen (= die Dame ohne Oberleib), ausstellen! Und: Wenn man an einer Uni vorbeifährt (auf dem Gelände ist Tschador Pflicht!), sieht man die herauseilenden Mädels sich sofort das schwarze Zeug vom Körper reißen und das schicke Darunter zum Vorschein kommen. Diese Abscheu ist so deutlich und so öffentlich, dass es mich wundert (und freut), dass hier niemand eingreift.
Doch insgesamt ist die Stimmung so, dass man Angst hat, gegen die Regime-Regeln zu verstoßen. Die sind ja hier nicht zimperlich. Der Sohn einer Freundin ist Journalist und war verantwortlicher Redakteur einer Zeitung in Teheran. Vor 3 Jahren (da war er Mitte Zwanzig) hat man ihn wegen einer Karikatur festgenommen und für 2 Monate in den Knast gesteckt, Einzelhaft, 6 qm große Zelle mit nix drin. Er sagte mir, da lernt man viel über sich selbst… Nach 13 Tagen hat man ihm einen Koran in die Zelle geworfen. Da er arabisch kann, hat er den dann auch dreimal durchgelesen – wenn man sonst nix zu tun hat… Was ihm da sonst noch passiert ist, erzählt er nicht.
Seine Mutter arbeitet in einem radiologischen Institut, das seit einem Jahr Schwierigkeiten mit dem Regime hat. Welche, weiß ich nicht. Jedenfalls hat das Regime verfügt, dass sie nur noch 3-4 Patienten täglich haben dürfen, bis die „Schwierigkeiten“ geklärt sind. Das hat dazu geführt, dass man die Hälfte des Personals woanders unterbringen oder aber kündigen musste. Sie konnte bleiben, arbeitet aber ca. nur 6 Stunden am Tag. Das heisst, so lange ist sie dort anwesend. Bei drei Patienten ist nicht viel zu tun…Sie lebt mit ihrem Sohn zusammen, weil sie sich nicht zwei Wohnungen leisten können.
Während meines Aufenthalts im Iran bekomme ich mit, wie immer mehr Internet-Cafes schließen – an mangelndem Interesse der Nutzer liegt es jedenfalls nicht…
Innerhalb der paar Wochen haben Freunde schon zweimal schriftliche Aufforderungen im Briefkasten gehabt, dass sie ihre Satellitenschüsseln entfernen sollen.
Wenn ich so zusammenrechne, sind sehr viele Kinder von babas Freunden nach dem Studium ins Ausland gegangen, die allermeissten nach Kanada, sonst USA, England, Deutschland. Eine Cousine hat gerade alles in die Wege geleitet um in nem halben Jahr nach Kanada zu ziehen, wo ihre Schwester schon längst ist. Das ist noch mal eine andere Zielgruppe, die hier aufgibt: Meine Cousine ist so alt wie ich, Architektin, ihr Mann Mitte Vierzig, Arzt, ihr Kind 13. Alle drei büffeln für den Toefl-Test, sprechen aber auch schon gutes Englisch. Der Mann meiner Cousine ist bereit, in Kanada jahrelange Zusatz-Studien auf sich zu nehmen, um als egal-was-für-ein-Arzt zu arbeiten und seinen guten Ruf und Stellung hier als Onkologe aufzugeben. Er sagt, er hält es mit den Leuten, den Heucheleien hier nicht mehr aus. Das sagen einige – und die gehen aber auch entweder gerade weg oder sind schon weg und kommen nur noch zu Besuch hierher.
Die anderen sagen, hier müsse man zwei Gesichter haben, auch die Kinder, die man in der Schule schon längst auszuhorchen versucht, ob es zu Hause auch religiös zugeht, ob sie Sendungen kennen, die auf Satellitenschüsseln schließen lassen etc.. Die Leute, die hier leben und bleiben sagen fast alle „wir haben Angst vor dem Regime, das wir ablehnen“ und „was sollen wir tun, da kann man nichts machen“ und zucken die Schultern. Sie warten auf den Retter, der sie erlöst (das ist sehr weltlich gemeint, nicht religiös) oder auf den richtigen Zeitpunkt, zu dem dann alle auf die Straße gehen und sich auflehnen würden. Mein Info ist, dass mindestens 70% der Bevölkerung ihr Staatsoberhaupt ablehnen. Aber hier ist einfach zuviel „Inshallah“ in den Köpfen.
Wenn ich nun aufgrund dieses weblogs einkassiert werde, geht bitte für mich auf die Straße, ja









