Jetzt, da wir wieder in Teheran zurück sind, weiß ich schon eher wie der Hase läut: Ich sitze im T-Shirt, ¾-Hosen und ohne Kopftuch draußen im Garten des Teheraner Hauses in der Sonne! Nachbar-Mädels sind auch hier, sogar knapper bekleidet als ich, und quatschen über Jungs.
Man hört die üblichen Geräusche der Bauarbeiter irgendwo nebenan … allerdings ist hier Sonntag! Die Iraner haben eine 6-Tage-Woche mit ca. 10 Stunden Arbeitszeit pro Tag und 20 Tagen Urlaub im Jahr. Von Familie und anderen höre ich immer wieder, dass sie ja gerne englisch, deutsch oder was-auch-immer nebenbei lernen würden, allerdings sind sie platt, wenn sie nach 12 Stunden wieder zu Hause ankommen und am einzigen freien Tag ist doch eher Familie angesagt als Lernen!
Gestern, als wir in Teheran ankamen, hatten wir nur eben Zeit, Reisestaub abzuwaschen und uns schön zu machen – und dann ab zur Geburtstagsfeier! Ein Cousin hat einen „Garten“ ausfindig gemacht, in den die Familie reinpasst – man kann sich das kaum vorstellen: Von einer ganz normalen hässlichen Teheraner Schnellstrasse biegt man ab, berghoch, fährt plötzlich durch ein bunt leuchtendes Tor durch und dann mit 5 km/h eeeeewig durch eine bunte, glitzernde Amüsiermeile, durch die Deutsche niemals mit dem Auto fahren würden, hier allerdings tut man es zweispurig – ein Blechkarawanen-Gedränge den Berg hoch, den Berg hinunter!!! Daneben die herrlichsten Auslagen, Fresschen, Naschkram, alles irre bunt und lecker anzuschauen – wenn es nicht alles penetrant auf Auspuff-Höhe angerichtet wäre !!!
So schieben wir uns den Berg hoch und ich sehe Zuckerwatte, die an hohen Holzverästelungen ausgestellt wird und irgendwie malerisch-gespenstisch wirkt. Hier tobt das Leben. Es erinnert an die Flaniermeile von Renesse (NL) zu Stosszeiten, falls das jemand kennt!Und nichts sieht hier nach Garten aus !!!
Wir halten vor einem kleinen Imbiss-Irgendwas. Hm. Gehen rein. Hm. Hier entlang. Hm. Und dann führt eine Treppe hinunter in einen mit Springbrunnen und tierisch hohen Bäumen bestückten Garten mit sehr großen „tachten“, also mit Teppichen ausgelegten erhöhten Essplätzen, vor denen man die Schuhe auszieht, was immer wieder sehr fotogene Schuh-Stillleben zur Folge hat! Ungefähr 8 „tachte“ sind für uns reserviert! Und tatsächlich kommen von der Familie 80 Leute!!! Bis sich alle gegenseitig begrüßt haben, ist der Abend rum – aber das ist auch irgendwie Sinn der Sache
Man quatscht und lacht und dann kommen wieder welche und alle rappeln sich aus ihrem Schneidersitz auf und drücken und küssen und ziehen sich die runtergerutschten Kopftücher wieder auf den Kopf … es ist herrlich! Wie bei uns auch, setzten sich die Stilleren automatisch hier zusammen, die Lebhafteren dort, die Kinder und Jugendlichen verteilen sich komplett, tragen einander durch die Gegend und knutschen sich herzhaft. Das ulkige ist, dass sie das in jedem Alter beibehalten! Wenn unsereins als Teene irgendwann genant oder cool wird, bleiben sie so herzlich und knutschig wie die Kleinen. Die Jungs unseres Gastgebers in Esfahan waren beide Mitte/ Ende 20, aber ihre Liebe zueinander drückt sich deutlich aus – wir hätten zu Hause kein Erklärungsmuster dafür zur Hand. Oder was würdet ihr denken, wenn der eine Bruder im vorbeigehen dem andern einen Zopf aus dessen Mähne dreht und in auf die Stirn küsst?! Ich sehe das immer wieder hier, auch zwischen den Generationen! Und kein Kind dreht sich von einer „Tante“ weg und will nicht geherzt werden – änäää! Mir hängen sie auch ganz ordentlich am Hals! Ist aber schön! Ich gehöre eindeutig zur Familie! Nein, keine Sorge – ich mach das nicht mit euch, wenn ich nach Hause komme … also, nicht mehr als vorher auch schon
Aber hier ist das so normal wie echt und ich fühle mich sehr wohl!
Nur als nach dem Obst und dem Essen und dem Tee sich alle an einem Fleck versammeln, zig Geschenke und eine riesige Geburtstagstorte vor mich hinstellen, die Kerzen darauf anstecken und „tawalod, tawalod“ singen und klatschen und trällern – da darf man echt nicht schüchtern sein! Ich wage nicht mir vorzustellen, was abginge, wenn das Regime nicht tanzen, singen und musizieren in der Öffentlichkeit (und eigentlich überhaupt!) verboten hätte!!!!!!
Zu ihrer Begeisterung schaffe ich alle Kerzen auf einen Streich auszupusten (42 waren’s nicht!), frage – um meine Verlegenheit zu verstecken – laut in die Runde, ob sie etwa immer noch nicht satt sind, worauf ich ein fast 80faches „Naaaaaaa!“ ernte, bevor ich mit einem gefährlich großen Messer das Schokoladenkuchen-Monster anschneide. Es soll der beste Schokoladen-Kuchen Teherans sein und alle sind ganz heiß darauf. Man lässt mich nicht allein, insgesamt habe ich 4 Helferinnen: Zwei schneiden und verteilen den Kuchen weiter, nachdem ich die ersten Stücke symbolisch für die Ältesten aufgetan habe, zwei andere helfen mir, den Wust an Geschenken von Einwickelmasse zu befreien und souflieren, von wem was ist und zeigen mehr oder minder diskret auf das entsprechende strahlende Gesicht.
Kommt mir vor wie bei einer Hochzeit, doch fehlt mir der andere, mit dem man sich das Auspacken und Bedanken teilen kann…. Für einen alleine ist das heftig! Diese Größenordnung ist allerdings auch eine Ausnahme – ich bin für sie wie ein Schaaf der Familie, von dem niemand etwas wusste und plötzlich taucht es auf und ist mit allen Brandzeichen versehen, die die Herde ausmacht! Mit diesen Dimensionen drücken sie ihre Freude darüber aus!
Vom Schokoladen-Geburtstagskuchen bleibt kein Faz übrig, auch für mich nicht, doch das ist egal – die anderen sind gut versorgt, mampfen und lachen. (Ein paar Tage später besorgen sie den Kuchen nochmal in klein für mich, weil sie mitkriegten, dass ich ihn nicht probieren konnte!) Manche Geschenke werde ich bei baba lassen – aus Gründen des Übergepäcks… Einige Geschenke sind allerdings wie maßgeschneidert für mich und müssen unbedingt in den Koffer!
(Da ich die ganze Zeit mitten im Getümmel war, gibt es kein einziges Foto für den weblog! Andere haben allerdings gefilmt und vielleicht kann ich noch ein Bild nachreichen.)
Obwohl der „Garten“ wie die meissten Restaurants um halb elf zu macht, tolerieren sie, dass unsere Party doch bis Mitternacht geht…Wie lange es dauert, bis die Familie sich untereinander voneinander verabschiedet hat, können sich Tine-Kenner sicherlich vorstellen… ;-) So ziemlich jeder will, dass ich vor meiner Abreise bei ihm zu Hause aber auch mal Gast bin und ich verweise fröhlich auf baba, Meister der persischen Umgangsformen, der mal sehen soll, wie er das innerhalb der letzten Woche alles koordiniert kriegt ohne jemanden zu brüskieren.
Als wir uns mit rappelvollen Autos langsam zockelnd und stockend wegen des Verkehrs den Berg wieder hinunterquälen, und ich über die ganze Autokarawane gucke, wird mir plötzlich klar: Wir sind der Stau! Es ist ein einziger großer Familien-Stau









