Am nächsten Tag gibt es endlich etwas von Esfahan selber zu sehen. Mittelpunkt der Stadt ist ein riesiger rechteckiger Platz, an dessen Stirnseite eine entsprechend große Moschee zu besichtigen ist, an der Breitseite der Palast Ali Ghapu, in der Mitte des Platzes schön gestutztes Grün und Blumen, an dessen Aussenrand eine breite ebene Fläche ausschliesslich für die Pferdekutschen (Einspänner) da ist, die unaufhörlich Touristen um den sehr weitläufigen Platz kutschieren und die ganze Szenerie in ein dafür typisch gewordenes Glöckchenbimmeln tauchen – die Glöckchen hängen an den Halftern.
Ringsum wird der Platz von einstöckigen Arkadengängen eingeschlossen, in denen der Basar ist und in jeder Arkadenöffnung zum Platz hin befinden sich ebenfalls Läden. Hier kann man Stunden zubringen und wir tun das auch. Warum der Platz so riesig ist, warum die Arkaden rundherum? Das war füher mal ein Poloplatz! Wenn man sich das alles nun unter diesem Aspekt anschaut und ein bisschen Pferdegetrappel von den Kutschen hinzunimmt, ist man schwuppdiwupp mitten drin in so einer Szenerie, wo sie auf kleinen Poloponys mit schwingenden Schlägern hier entlang gejagt sind und die feinen Damen in den oberen Arkaden schattige Plätze einnahmen und sich vornehm Luft zufächelten! An einem Eingang des Basars gibt es einen versteckten Aufgang (mein Cousin kennt sich aus!) mit unglaublich hohen, engen Treppenstufen, die niemand auch nur annähernd würdevoll bewältigen kann …. jeder von uns zieht sich an dem rettenden Treppengeländer mühsam hoch wie ein Walroß!!! Wenn man diese Tortur hinter sich hat, wird man durch das einzige Cafe, das es hier weit und breit gibt, entschädigt (dank der Regierung, die wirklich alles schließen lässt, was schön ist und/ oder Spaß macht, denn feiern soll der Perser nicht! Inzwischen werden auch immer mehr Internetcafes geschlossen, weshalb meine Artikel so verzögert kommen … das sei an dieser Stelle mal gesagt!). Das Cafe hat tatsächlich auch ein paar Kissen nach draussen gelegt – für die sonnenhungrigen Touris sicherlich, die Perser bleiben drinnen im Schatten und rauchen Wasserpfeife. Zum Tee bekommt man einen ganzen Teller voll herrlichem süssen blätterteigartigem Schmalzgebackenem – köstlich!
Wie ich Anti-Tee-Frau in diesem Lande klarkomme? Ich bestelle heißes Wasser oder Tee im Beutel, lasse letzteren einfach weg und kippe eine Nescafe-Milch-Zucker-Mischung in die Teekanne, die ich immer dabei habe – fertig ist mein Kaffee-Ersatz!
Von diesem Cafe aus hat man einen sagenhaften Blick über den Platz, zwei Moscheen und einen Palast. Das einzige, was das letzte Cafe am Platze nicht hat ist ein Klo. Man muss also diese unsägliche Treppe wieder runter und ganz bis zum Ende des Basars laufen, um dort eine öffentliche Toilette zu finden. Bei uns wird das zum geflügelten Wort für solche Bedürfnisse: „Ich geh mal zum Ende des Basars!“
Irgendwann müssen wir uns hier losreissen und machen uns auf in die Imam-Chomenei-Moschee (die früher natürlich mal Schah-Moschee hieß). Faszinierend ist, dass sie vier Bethallen hat – für jede Jahreszeit eine! Sie sind den jeweiligen Wetterlagen entsprechend platziert und bedarfsgerecht konstruiert. Soll heißen: Die Bethalle für den Sommer ist sehr hoch (36 Meter!), damit sich die heiße Luft nicht staut. Die Winter-Bethalle hat im Gegenteil eine ganz niedrige Decke, damit es schnell warm wird. Frühling- und Herbsthalle sind eher grünlich (die anderen wie immer blau) und ihre Decken entsprechen den Sonneneinfallswinkeln zu diesen Jahreszeiten. Frühlings- und Sommer-Bau liegen einander gegenüber. Am beeindruckendsten ist die Akkustik in der hohen Sommer-Bethalle: In deren Mitte gibt es eine besondere Steinfläche von ca. einem Quadratmeter. Wenn man dort mit dem Fuß auftritt, hallt es von der verschachtelten halboffenen Decke vielfach laut wieder. Mein Cousin macht sich einen Spaß draus und lässt dort kurz überm Boden einen Geldschein knallen, in dem er ihn schnell auseinanderzieht. Hört sich an wie Peitschenhiebe! Ein anderer Besucher macht uns vor, wozu diese Fläche tatsächlich dient: Er stellt sich drauf, hält sich ein Ohr zu und singt wie ein echter Mullah! Wir kriegen Gänsehaut! Der Klang nimmt alles ein, kommt von überall zurück, legt sich über die Zuhörer wie ein Schleier. Er soll bloß nicht aufhören – das ist sooo schön !!!
Draussen vor der Moschee, hocken wir uns an den Rand und machen persische Brotzeit: Dünnes Fladenbrot, Walnüsse, Wasser. Ein kleines Mädchen versucht uns Pflaster (Hansaplast!) zu verkaufen. Wieso ausgerechnet vor einer Moschee? Wegen Knieverletzungen vom Beten?! Mein Cousin erklärt, dass Betteln im Iran verboten ist und die Pflaster daher ein Vorwand. Neben mich setzt sich eine Frau mit „Nonnenkutte“, wie ich es nenne – ein schwarzes Kopftuch, das aber rundherum geht und bis kurz unter die Brust reicht. Sie hat ein blondes (!) Baby im Arm, das rumquengelt. Die Frau nestelt an der Kutte rum. Ich denk noch „Sie wird doch wohl nicht …???“ – Aber ja! Hier vor der Moschee unterm Schutz der Nonnenkutte stillt sie ihr Kind! Das Köpfchen verschwindet komplett unterm scharzen Vorhang. Nun ist also auch klar, wozu dieses Kleidungsstück dient – zugleich auch ein praktisches Sabber- und Spucktuch
Wir ziehen weiter zum Ali Ghapu-Palast an der Breitseite des Platzes. Er entstand in der Dynastie der Safawiten vor etwa 500 Jahren und wurde von Schah Abbas I. begonnen, der die Fertigstellung allerdings nicht mehr erlebte, denn es dauerte 70 Jahre! Sein Sohn Abbas II. hat das Werk dann vollendet. Die Decken sind aus Holz, wie auch in Persepolis, weshalb jenes so gut brennen konnte… Gegenüber des Palastes, an der anderen Breitseite des Platzes steht eine Moschee ohne Minarette, deren Kuppel mehr beige als blau ist. Sie war dem Harem des Schah Abbas vorbehalten – die Damen konnten durch einen unterirdischen Gang vom Palast flugs zum Gebet eilen ohne gesehen zu werden. Einen eigenen Muezzin bekamen sie nicht, daher auch keine Minarette!
Alle Treppen innerhalb des Palastes inkl. dem Gegentritt (heißt das so?) sind aus Mosaik-Kacheln in blau und gelb, die Stufen wie immer hier recht hoch und steil. Ein paar Stockwerke weiter oben gibt es eine wunderschöne Säulen-Terrasse (alles aus Holz!) mit noch schönerem Ausblick auf den Platz, die große Moschee, die Stadt Esfahan und die hohen Berge dahinter. An den Wänden sieht man hie und da Bilder von Mongolen. Man hat diese Art Malerei übernommen, nachdem die Mongolen in Persien eingefallen sind.
Oben im Palast kommt man zum Herzstück das Ganzen: Dem Musikzimmer! Die Decke ein einziges Ineinandergeschachtel gotisch anmutender Bögen, Decke und Wände aus blau und rot gefärbtem Gips, aus dem man scherenschnittartig Umrisse von Vasen, Flaschen und Blumen ausgekratzt hat. Hinter jedem dieser Ausschnitte ist ein Hohlraum. Es muss der akkustische Vorläufer von Konzertsälen sein! Die Sonne bricht sich Bahn durch eine Reihe Gitterfenster. Diese Farben! In die unteren Reihen an den Wänden hat man Kerzen in die Hohlräume gestellt – ich kann mir im Leben nichts romantischeres vorstellen als diesen Anblick!!! Ich hoffe, dass ein Foto im weblog annährend eine Idee davon gibt! Es dauert lange, bis wir uns von diesem Musikzimmer losreissen können.
Als wir den Palast verlassen wollen gibt es noch etwas Unglaubliches zu entdecken.Der Vorraum des Palastes hat eine Besonderheit: Wenn man sich in eine der Ecken stellt, am besten mit dem Gesicht zur Wand und leise spricht, kann das jemand, der in der diagonal gegenüberliegenden Ecke ebenso an der Wand steht, sehr klar und deutlich hören …. aber niemand sonst in dem ca. 100 qm großen Raum ! Das ist völlig faszinierend und wird von uns sofort ausprobiert! Der Trick ist die besondere Architektur: Die vier Ecken der Decke haben eine seltsame Rundung, sind also gar keine richtigen Ecken – so funktioniert es! Zur Touristen-Bespaßung hat man das vor 500 Jahren natürlich nicht erfunden, sondern für die Wachen! Sie standen immer im Vorraum bereit, in alle Ecken verteilt und wenn jemand um Einlass bat, konnte man sich auf diesem Wege äußerst diskret und schnell verständigen, was man von dem Besucher zu halten hatte!
Da die Dämmerung hereinbricht, quälen wir uns doch noch mal die Treppen zu dem einzigen Cafe hoch, weil man von dort einen sagenhaften Sonnenuntergang über Berge, Esfahan und Moscheen hat. Als wir so schön draussen auf den dicken Kissen sitzen, kommt ein Kellner mit einer Art Minigrill raus auf die Terrasse und schenkt wie Weihrauch „Esfand“ über die Gäste. Eine Mixtur aus zweierlei Kräutern, die auf glühende Holzkohle gestreut werden und sofort viel weißen Rauch entwickeln, der mich im Geruch an Winnetou erinnert …fragt mich nicht wieso, meine erste Assoziation mit diesem etwas beißendem Geruch waren halt Apachen! Während man so etwas über die Leute schwenkt, murmelt man auf arabisch so was wie „Allah ist groß“ oder „ Allah soll euch beschützen“, um die Anwesenden vor bösen Blicken zu bewahren oder – falls schon geschehen – zu reinigen. Heutzutage. Früher wedelte man mit Esfand in den rappelvollen Teestuben, die kaum Fenster hatten und deren Gäste sich nur einmal die Woche wuschen, um die Luft zu reinigen. Heute ist es nur noch ein verbreiteter Aberglaube, eine fürsorgliche Geste für die Lieben, wie ich es auch schon zweimal in meiner Familie erlebt habe: bei meinem Cousin in Deutschland und bei meiner Tante am Abend meiner Ankunft in Teheran.
Bleibt mir noch zu erwähnen, dass ich mich schon seit Wochen wundere, immer wieder mal Frauen zu sehen, die sich an der Nase verletzt haben und – obwohl das doof aussieht – damit in der Öffentlichkeit rumrennen. Ehrlich gesagt habe ich bei der Ersten gedacht, ihr Männe habe sie geschlagen und diesen bösen angeguckt!In Esfahan klärt mich mein Cousin mit Tränen vor Lachen auf, dass die ganzen Mädels ihre persischen Nasen einer Schönheitsoperation unterzogen haben und äußerst stolz mit diesen Nasenpflastern 2 Jahre lang rumrennen, bis sie es abnehmen dürfen!!!!!(Nachtrag meiner Cousine beim weblogschreiben: Es gibt auch Mädels, die stolz mit einem Nasenpflaster rumlaufen, ohne je eine Operation gehabt zu haben!!!!!!)
Ich esse Safran-Eis und denke über die Merkwürdigkeiten dieses Landes nach.









