Wir kommen nachts um 1 h in Shiraz an, fahren direkt zu einer Sandwich-Bude, die einem Freund gehört. Dieser freut sich sehr, verköstigt uns mit Hähnchen und hat ein Hotelzimmer besorgt. Wir sitzen draußen und man merkt nicht, wie spät es ist, weil es eh schon seit 19 h dunkel ist. Dass es irgendwann halb drei nachts ist (unter der Woche wohlgemerkt!) merkt man weder an den Kindern, die rumlaufen, noch an den geöffneten Lebensmittelläden, noch an den Schweißarbeiten, die zwei Männer am Laden nebenan durchführen, noch am Jungvolk, das zum Kebab-Essen kommt und es sich draussen am Tisch gemütlich macht, Jungs und Mädels gemischt!
Weil meine Nacht in Yazd unterm Sternenhimmel im Innenhof so kurz war, fall ich um vor Müdigkeit. Doch da hab ich Pech gehabt. Das für uns „vorreservierte“ Hotel besteht darauf, dass ich als Ausländerin erstens mehr und zweitens in Dollar bezahlen müsse. Mein Vater und sein Freund diskutieren lange und zwecklos. Versuchen, andere verschlafene Hoteliers anzurufen. Bisschen schwierig um die Uhrzeit, zumal die Shirazi als äusserst gemütliches, arbeitsscheues Völkchen im ganzen Land verschrieben sind. Alles Gepäck wieder ins Auto, Weiterfahrt zum nächsten Hotel. Da winkt uns jemand vom Strassenrand heran. Ein dünner junger Typ mit viel Bart, der seinen Plastikbecher Tee festhält, als besässe er nichts anderes … stimmt vermutlich sogar! Ich wundere mich, warum die Herren um mich herum überhaupt darauf eingehen, dem Tee-Mann zu folgen und sich ein Hotelzimmer anzuschauen. Die „Rezeption“ im 1. Stock eines insgesamt seltsamen Hauses ist vielsagend, das Treppenhaus ist das letzte. Als wir im 4. Stock ankommen und die Zimmertür geöffnet wird, rutscht mir raus: „Warst du schon mal im Knast, baba?!“ Ich bedauere, dass ich keinen Fotoapparat griffbereit habe, aber den Anblick werde ich eh nie vergessen: Drei Feldbetten stehen ohne Zwischenraum aneinandergestellt mit frag-mich-nicht-welchen-Decken drauf und nehmen damit die gesamte Breite, sowie ca. 80% des ganzen Raumes ein! Ganz oben an der Wand, wo keiner drankommt ein vergittertes Fenster! Mehr gibt’s nicht.Baba schaut mich an „Was meinst du?“ Ich finde die Frage allein schon empörend, halte die Klappe und vertraue auf meinen Gesichtsausdruck.
Wir haben den kleinen Rest der Nacht dann doch noch in dem Dollar-Hotel verbracht und ich wundere mich über die gravierenden Unterschiede zwischen den Hotels und ihren Preisen. Dieses ist teuer und lausig. Wir hauen dort anderntags schnell wieder ab und suchen ein neues. Das ist edel und viel günstiger … Marmor, weisse Ledersessel, Glastische, alles in schwarz, weiss und altrosa gehalten, ein bisschen Persepolis wird angedeutet, dazu die Bilder von Chomeini und Chamenei (ersterer wird immer größer dargestellt als sein amtierender Nachfolger – das ist er für die Leute auch!) und zu dieser Mixtur ertönt als Hintergrundmusik die persische Fassung von „Nothing else matters“!!!!!Wären wir doch gleich hier gelandet. Vorreservierungen sind im Iran nicht üblich, erfahre ich, es sei denn, man macht einen Vertrag mit einer Reiseagentur. Auf Zusagen am Telefon kann man sich nicht verlassen. Im Prinzip muss man einen Freund, der vor Ort ist, ins Hotel schicken und reservieren lassen, aber richtig sicher ist das auch nicht. Ich komme mir ganz schön deutsch vor….
Wir bewegen uns per Taxi durch die Stadt – das ist unglaublich billig. Die offiziellen Taxis nehmen mangels Touristen derzeit die gleichen Billigpreise wie private Taxis, die man nur daran erkennt, dass sie vor einem halten, wenn man am Strassenrand steht. Es sind Privatleute, die von jetzt auf gleich entscheiden, ob sie für die Leute die da stehen, Taxi spielen wollen.So kommen wir für wenige Cent zur Grabstätte von Hafez. Diese ist in einen schönen Park eingebettet mit Blumen und schattenspendenden Bäumen und hat eine sehr friedvolle Atmosphäre. Das Areal ist eingezäunt und es kostet Eintritt, aber der ist wie immer hier verschwindend gering und mein Vater mit seinem Renterpass kommt sowieso umsonst rein. Das Grabmal selber ist eine erhöhte Marmorplatte auf einem Sockel in die seine Verse eingraviert sind. Darüber erhebt sich auf Säulen eine wunderschöne Kuppel, die an jene in den Moscheen erinnert – reich verziert. Ein paar Stufen führen zum Grabmal hinauf. Wenn man dort hinaufgeht, begrüßt man ihn mit „durud Hafez!“. Die eigentliche Begrüßung „salaam“ wäre für den Jahrtausend-Dichter zu schnöde. Dann fasst man die Marmorplatte an, die meissten legen einen Finger drauf, und murmelt Koranverse in sich hinein. Ich frage, warum sie nicht passenderweise Hafez’ Verse murmeln? Naja, sagt baba, was die Leute wirklich tun, weiß man nicht – es ist wie immer! Hafez ist zwar seit 600 Jahren tot, wird hierzulande aber unglaublich verehrt und ist auch im Alltag in aller Munde! Im hinteren Teil des Parks eröffnet sich wieder unerwartet ein sehr schöner teils schattiger, grüner Innenhof mit Springbrunnen, Liegestätten mit ihren dicken roten Kissen (sie heißen „tacht“ – also Thron!), Sitznischen … hier könnte ich ewig bleiben, in Ruhe lesen und den ganzen Tag mal dieses trinken, mal jenes naschen, dazu die Wärme … hach!!!
Lange kann ich nicht so rumdösen, weil mich ein paar junge Mädels mit ihrer Familie entdecken und über mich und Deutschland und das miese Image des Iran Löcher in den Bauch fragen. Sie sind um die 18, gut gebildet, wissbegierig und temperamentvoll. Wie hierzulande üblich werden sie zur Uni gehen (60% der Studenten sind Frauen, auch in den technischen Fakultäten!) und dann der großen Tradition nachgehen und eine Familie mit Kindern gründen, weil das für sie das einzig Wahre ist, weil sie so aufgewachsen sind, immer innerhalb der Familie ihr Leben bestreiten, durchaus ihre Cousins heiraten, sich nur dort wirklich gut und sicher fühlen. Man kapiert das, wenn man hier selber eine Familie hat und das „Innenverhältnis“ im Vergleich zu aussen erlebt. Freunde haben einen anderen Stellenwert als bei uns. Weil die Familie klar den höchsten Stellenwert hat. Bei einer 150-Mann-Hochzeit sind vielleicht 3-4 Freunde dabei, so sind in etwa die Relationen.
Wir fahren zu einem Basar, erst ist Siesta-Zeit, die Händler schlafen auf ihren Reis- oder Gewürzsäcken, Teppichen, Stoffballen, Kleidern oder was auch immer sie eigentlich verkaufen. Manchen breiten im Laden ein paar Zeitungsblätter aus, setzen sich im Schneidersitz drauf und essen perisches Fast-Food (Reis mit irgendwas). Manche Händler verhängen ihren Verkaufsstand mit einem großen weißen Tuch, andere habe einfach weiterhin auf. Es herrscht dennoch angenehme, entspannte Atmosphäre, es riecht nach Kardamom, Koriander und anderen Gewürzen und irgendwie spürt man doch, dass es hier bis vor kurzen noch laut und hektisch zugegangen sein muss.
Wir kommen an einen Parfumladen, der hübsche Flakons hat und unerträglich nach allem gleichzeitig riecht. Die Verkäuferin erklärt mir, wie man das überlebt und hält mir eine Glasschale mit etwas Braunem unter die Nase…. Kaffeepulver! Lecker!!! Tja, sagt sie, wenn sie Kunden mehrere Düfte vorführt, dient der Nasen-Ausflug in den Kaffee-Pott als Neutralisation! Wie schlau !
Diese verschlafene vierstündige Mittagszeit nutzen kleinen Jungs und Mädchen, ihren Blödsinn auf die leeren, staubigen, sonnengesprenkelten Gewölbegänge des Basars auszuweiten. Niemand stört sie dabei und es weht eine beneidenswerte Atmosphäre von Freiheit um sie herum…
Plötzlich stehen wir in einem großen Hof, rundherum Basar-Läden, viele Bäume, in der Mitte ein großes Wasserbecken mit Springbrunnen, im 1. Stock auch Läden, verhängt mit hellen großen Tüchern, aussenrum eine Ballustrade. Dort schlendern wir in der Mittagshitze entlang, und gucken in einem winzigen Laden zwei Handwerkern auf die Finger, die die „Chotam“-Technik beherrschen – das sind millimeterdünne Zierleisten, die meisstens zur Verzierung für Spiegel, Bilderrahmen, Schachspiele und Dosen angefertigt werden. Sie erklären uns, wie sie sie aus Kamelknochen, verschiedenfarbigem Holz und Messingdrähten in einer unendlichen Kleinarbeit herstellen und dann in dünne Scheiben schneiden, brechen Leisten durch, feilen sie an und zeigen uns die hauchdünnen Querschnitte. Ich bin froh, hier immer etwas zu naschen dabei zu haben, so kann ich süsses Brot rumreichen, während sie ihre Arbeit für uns unterbrechen und Anschauungsunterricht geben. Am Ende bekomme ich die Leisten geschenkt.
Wenn ich den Palast von Karim Khan e Zand (über 500 Jahre alt) mit seinen Orangenbaum-Alleen anfange zu beschreiben, wird der weblog zu lang … wir waren dort eine ganze Weile drin und ich habe sehr schöne Bilder, auch von der dortigen Ausstellung alter Fotografien! In den weblog stelle ich u.a. mein Lieblings-Bild: Das Hamam des Khans!
Apropos Hamam (Dampfbad): Abends waren wir in einem!!! Aber nicht zum Schwitzen! Zum Essen! Babas Freund hat es sich nicht nehmen lassen, uns in ein ehemaliges großes, wunderschönes Hamam einzuladen, in dem er früher Preise errungen hat (im wahrsten Sinne – er war Ringer!), als es noch eine öffentliche Sporthalle war … vor ca. 40 Jahren. Heutzutage ist es ein sauschönes Restaurant und – Regierung hin, Verbote her – da sitzen tatsächlich Musiker und spielen ganz herrliche persische Weisen. Die Gäste kennen so ziemlich jedes Lied und man spürt körperlich, dass sie kurz davor sind, aufzuspringen und zu tanzen. So klatschen und pfeifen sie nur und schnippen so komisch mit den Fingern, wie auch ich das inzwischen lernen musste – sonst ist man nicht echt! Am späteren Abend steigert sich die Spannung, die Lust sich zu den vertrauten, geliebten Klängen zu bewegen derart, dass es sich da Bahn bricht, wo die Kontrolle am ehesten kippen kann – bei den Kindern! Drei, vier Kinder in verschiedenen Ecken des Lokals halten es nicht mehr aus, steigen auf die Tische und tanzen orientalisch…. aber WIE!!!! Jungs wie Mädels, die nicht älter als fünf sind und sich bewegen als seien sie zwanzig Jahre älter, holla !!!!!! Schwer, sich vorzustellen, ist mir klar! Kein Touristen-Gag! Alle sind wie aus dem Häuschen und wie die Eltern stolz auf die Kleinen. Nachdem ich erst nicht glauben kann, was ich da seh und dann begeistert bin, bleibt mir irgendwann das Lachen im Halse stecken. Todtraurig ist das hier im Lande, dass alles, was Spass macht, verboten wird, dass das Volk es wie so vieles andere hinnimmt – und dann die Kinder stellvertretend und halblegal das ausdrücken, was nicht sein darf.Ich weiss nicht, ob rüberkommt, was ich meine. Ich sehe und begreife hier mehr, als ich aufschreiben kann und vielleicht ist eine solche Überlegung jetzt nicht nachvollziehbar?Dieses Thema berührt eine prinzipielle Haltung der Perser, die mir täglich begegnet, die ich versuche zu begreifen und die tief in der Geschichte des Volkes verwurzelt ist. Ich nenne es salopp für mich die „Opferlamm- und Inshallah-Haltung“, aber das bedarf der Erläuterung.
Da babas Freund auch hier Freunde hat, bekommen wir vom Koch eine kleine Spezial-Führung hinter die Kulissen, also durch das gesamte Hamam! Nach dem Essen kommt ein Calligraph an unsere persische Liegewiese („tacht“!), babas Freund schmettert ihm einen Hafez-Vers an den Kopf, der Schreiberling zaubert mit seiner Tusche –fertig ist das Kunstwerk! Und schenkt es mir! Während ich versuche, die Schnörkel zu lesen, hauen sich die Herren immer weiter inbrünstig Hafez-Verse um die Ohren, beweisen einander ihr Wissen und ihre Liebe zum Dichter und kriegen feuchte Augen. Am nächsten Morgen kaufe ich einen Chotam-Rahmen für das Kunstwerk!
So war Shiraz!









