Esfahan, die Erste

Der Zeitplan meines Vaters geht natürlich nicht auf (mich wundert über mein eigenes Zeitempfinden gar nichts mehr!!!). Das heißt, während es Mitternacht wird – und damit mein Geburtstag – sitzen wir immer noch im Auto und kurven auf der Peripherique von Esfahan rum. Meinen guten Orientierungssinn habe ich nicht von ihm geerbt – mir ist schon sehr bald klar, dass wir wieder Richtung Shiraz fahren… Man kann iranischen Männern immerhin nicht vorwerfen, dass sie lieber sonstwohin gurken, anstatt Leute um Hilfe zu fragen. Im Gegenteil: Sie fragen dauernd jeden und – obwohl es den Anschein hat, dass die Beschreibung in Ordnung ist – nach 20 Metern den nächsten und den nächsten und den nächsten! Fairerweise muss ich erwähnen, dass meine Aerobic-Freundin und ich im Basar innerhalb von 5 Minuten von 10 Leuten in 4 verschiedene Richtungen geschickt wurden, als wir ein Cafe suchten! So kommen wir erst um 1 h im Hotel an. Diesmal habe ich baba vorher gezwungen, alles zu tun, damit wir vor Ort wirklich eine Behausung haben und sich so was wie in Shiraz nicht wiederholt. Also wartet tatsächlich ein 5-Sterne-Hotel auf uns, das er und seine Freunde gut kennen.

Ein fünf Sterne-Hotel, so so …. Das Zimmer ist winzig, das Fenster direkt an einer Mauer, das Bad halb so groß wie meins zu Hause (!) und die Dusche hängt genau überm Klo – man muss sich also breitbeinig übers Klo stellen, um duschen zu können, wobei alles andere im Bad ebenfalls nass wird … die Handtücher zum Beispiel! Ich bin zu müde, um mich an den papierdünnen Wänden zu den Nachbarn zu stören und schlafe ungratuliert ein. Wie sich später herausstellt, dachte mein Vater, nach deutscher Uhrzeit sei es ja noch nicht der 19.9. und tat deshalb nichts….

Den Vormittag meines Geburtstags verbingen wir mit familiären Themen – das ist nichts für den weblog. Dann ziehen wir in ein viel besseres Hotel um, das direkt am dem großen Fluß liegt, der sich durch Esfahan schlängelt und Rheinbreite hat. An den Ufern sind auschliesslich Parks mit vielen hohen Bäumen und Palmen, viele Leute sitzen da und picknicken, übernachten, pauken, spielen, was man halt so macht. Auf dem Fluß fahren Tretboote, die wie Riesen-Schwäne aussehen. Über den breiten Fluß führen wunderschöne Fußgängerbrücken: Sie sind sehr breit und rechts und links ziehen sich Arkaden über die ganze Länge mit kleinen Durchgängen und Fensterchen – ich könnte mich kaputtfotografieren, weil man alle paar Meter einen anderen Blick auf beide Seiten des Flusses hat und die Menschen in den Arkaden herrliche Motive sind.

Am Nachmittag finde ich mal wieder kein Internetcafe und möchte wenigstens draussen in der Sonne einen Kaffee trinken. Der Perser an sich versteckt sich aber vor der Sonne nach drinnen und trinkt Tee. Der Innenhof eines Nobelhotels scheint für meinen Wunsch wie geschaffen …. Aber auch hier herrscht Siesta bis 17 h! Alternativen zu finden scheint schwer zu sein. Baba fragt Leute, die ihm erklären, wo man draussen sitzen kann. Dann hält er ein Taxi an, um sich zu erkundigen. Ich zerre schnell meinen Fotoapparat heraus, denn so ein verrottetes Auto habe ich im Leben noch nicht gesehen! Schnell knipsen, bevor es wieder abfährt! …Ich hätte mich gar nicht so zu beeilen brauchen – denn baba hält mir die Tür dieses Wracks auf !!!!! Waaaaaasssss ?????!!!! Ist ihm unser Leben eigentlich gar nichts wert??? Da steige ich nicht ein, sage ich! Ist doch nur für ein paar Meter, sagt er und deutet die Strasse entlang. Man muss wissen, dass es im Iran Usus ist, auch für ein paar hundert Meter ein Taxi zu nehmen – das ist der öffentliche Nahverkehr! Aber warum zum Kuckuck müssen wir das schlimmste Taxi aller Zeiten nehmen? Oder ist das ein mildtätiger Gnadenakt, damit der Mann auf ein neues Auto sparen kann??!! Mit angespannten Pobacken versuche ich die Sitzfläche so wenig wie möglich zu berühren … Pilates könnte nicht effektiver sein! Die Anspannung, die meinen Körper beherrscht steht im krassen Widerspruch zu der Instabilität der Karosserie, die derart knarzt und sich beim Fahren in sich verschiebt , dass ich wirklich denke, wir landen mit der Sitzbank auf der Strasse, während der Rest des Autos von uns abfällt – so ein bisschen wie in Herbie-Filmen der 60er Jahre! Oder wie bei Dick & Doof!  Auch verstehe ich nichts von Kupplungen, aber dass diese hier am Boden schleift hör sogar ich!!! Ich zähle die Meter. Oh Gott, warum hält dieses Auto nicht? Warum versucht es nun auch noch, um eine Ecke zu fahren??? Das geht nicht gut !!!!! Ich trau mich nicht, in der Fahrt die Tür aufzumachen, um ein Ende zu signalisieren, weil ich sicher bin, sie dann in der Hand zu haben! Ich rede auf meinen Vater ein. Wieso fahren wir überhaupt so weit? Durch tausend Gässchen? Immer weiter? Wieso endet hier die Stadt? Wieso wird’s hier so grün um uns herum ? Der betuppt uns doch, der Taxifahrer! Komm, versprich ihm ein neues Auto und lass und hier AUSSTEIGEN !!!!!!!!!!! Aber mein Vater ist ein schwacher Mann – vor allen Dingen kann er sich nicht durchsetzen. Auch das habe ich nicht von ihm geerbt… Der Taxifahrer setzt noch einen drauf und will uns im Grünen rumkutschieren – nun werde ich massiv. Wenn das hier voller netter Cafes ist (die ich nicht sehe), dann soll er uns beim schönsten rauslassen. Er tut das tatsächlich. Es gibt nämlich nur eins. Eher ein Platz für Junkies, völlig heruntergekommen! Dreckig. Ich will hier weg. Baba hat aber inzwischen meinen Cousin verständigt, hier raus zu kommen! Da dieser kein Handy hat, müssen wir hier wirklich auf ihn warten! Ich versuche mich zu setzen. Der Teppich auf dem „tacht“ ist inakzeptabel schmutzig. Es wird ein weiterer geholt und drüber gelegt. Er ist fast genauso schmutzig und hat so seltsame Löcher. Ich frage nach. Den Teppich haben sie aus dem Irak, die Löcher seien vom Krieg dort! Haha, wohl eher von verunglückten Wasserpfeifen…! Kaffee gibt es auch keinen.

Mein Cousin (aus Holland) und seine jüngste Tochter (gerade im Iran zu Besuch) kommen tatsächlich in diesem Niemandsland an und holen uns da raus. Ich freue mich sehr, die beiden zu sehen. Nun kann und muss ich viel holländisch reden, denn Melissa (16) spricht kein farsi, kein deutsch und nicht gut englisch. Die beiden wohnen für 2 Tage bei Freunden in Esfahan und ehe ich mich versehe sind wir in diese Sippe eingemeindet. Während ich noch ahnungslos in deren Büro rumsitze, mit Melissa im Internet surfe und dies für eine Stippvisite halte, werden die anderen heimlich über meinen Geburtstag aufgeklärt – und treffen Vorbereitungen…Meine Vorstellung war, dass wir meinen Geburtstag in der schönsten Stadt Irans feiern (und das ist Esfahan definitif, war lange die Hauptstadt!) und zwar in einem Restaurant mit Blick auf die Stadt, wenigstens zum Teil, so dass man eine Vorstellung hat, wo man ist. (Der erste Abend in Esfahan ist ja bereits babas Zeitplan zum Opfer gefallen) Das wird mir auch weiterhin in Aussicht gestellt, während hintenrum etwas ganz anderes läuft. Das ist auch sehr persisch! Es geht nicht darum, was ich gerne möchte an meinem Geburtstag, sondern was diejenigen, die sich gerade selber zum Gastgeber erkoren haben, schön finden. Der europäische Individualismus ist hier unbekannt bzw. wird nicht verstanden. Clash of cultures.

Und so sitze ich ohne den Hauch einer Chance, aus der Nummer raus zu kommen (auch auf baba kann ich nicht bauen!) abends in einem kitschigen Wohnzimmer, in dem alle Möbel mit Plastikfolie abgedeckt sind, Obst und Blumen ebenfalls aus Plastik sind und eine große Edel-Samsung-Glotze mit Hip-Hop läuft. Die Leute sind ja nett – aber im Herzen will ich raus und endlich Esfahan by night sehen!!!

Irgendwann geht’s zu Tisch – und selbst dann nehmen sie nicht die Plastikverpackungen mit den langen Reißverschlüßen von den Polsterstühlen!!! Da setzt man sich drauf!!! Ich wage leise zu fragen, wieso. Damit man sie später wieder wie neu verkaufen kann, flüstert mein Cousin ernst. Die ganze Szenerie ist wie immer in OP-Beleuchtung (weißes Neonröhren-Licht) getaucht und es gibt überbackenen Toast und alkoholfreies Bier. In meiner Verzweifelung trinke ich Anti-Bier-Liese sogar das!

Als ich denke, jetzt ist es spät, jetzt gehen wir – wie immer noch versprochen – raus und nehmen ein Getränk mit Blick auf Esfahan zu uns, rücken sie an mit Geschenken und „Sparkling Peach Juice“ der aussieht wie Sekt und einem herzförmigen Kuchen, auf dem mein Name steht und einer wachsernen „42“, von deren Vier ein Teil abgebrochen ist, den jeder anderes wieder dran kleben will. Sie singen und klatschen und ich soll tanzen. Die Leute sind nett, meinen es sehr gut, es ist ziemlich skuril, ich will sie nicht enttäuschen, versuche, das Witzige an der Szenerie in den Vordergrund zu stellen und mache mit.