Abyaneh
Am nächsten Morgen erwachen wir in einer roten Stadt ! Alles ist rot: Häuser zum Teil kaminrot (so hieß jedenfalls die Farbe in meinem Tuschkasten, die mich daran erinnert), sonst rostrot, die Felsen und Berge ebenso. Wir rollen vom Hotel aus runter zur Ortsmitte und wollen uns nur ein bisschen umschauen. Es muss ja immerhin noch auf dem Weg eine Werkstatt gefunden und dann 400 km zum nächsten Zielort gefahren werden (was hier ja wesentlich länger als 4 Stunden dauert!). Wir schlendern in ein Gässchen rein – und da zieht es uns tief in die Faszination dieses Dörfchens.
Der ganze Ort besteht aus kleinen, flachen Lehmbauten. Man nehme Lehm, man nehme Stroh – fertig ist die Baumasse. Den Rest erledigt die Sonne, in der die Melange quasi gebacken wird. Dieser Ort Abyaneh ist 2000 Jahre alt und die Leute hier leben so ein bisschen wie damals. Es gibt Strom und auch ein paar Autos. Wir schätzen, dass es mit Kind und Kegel vielleicht tausend Einwohner hat, denn es sind unendlich viele kleine rote Behausungen, die an einem Berghang kleben. Die Gassen gehen rauf und runter, mal breiter, mal schmaler, herrliche Torbögen, Haustüren gleichen Schranktüren aus dickem alten Holz, wenige Häuser haben knorrige Balkone am ersten Stock hängen, die nicht vertrauenswürdig, aber sehr hübsch aussehen. Es gibt ein Gässchen wie ein Tunnel, recht lang, niedrige Decke und sehr eng – zwei Leute können kaum nebeneinander gehen. Baba erzählt, dass man Leute, die sich zerstritten haben, gemeinsam durch solche Gässchen schickt – durch die Enge kommen sie sich unweigerlich so nahe, dass sie sich wieder vertragen müssen. (Schöne Idee, aber kann das nicht auch ins Gegenteil,umschlagen ???)
Wir bewundern uralte Reistöpfe auf Feuerstellen, Wasserläufe, Ornamentik, Esel, Hutzelmütterchen und klapperdürre Männlein, Kinder in traditioneller Kleidung (große weiße Kopftücher mit Blumenmuster, pinkefarbene Oberteile, schwarze Röcke, weisse Strumpfhosen) und recht viele Touristen, die sie immer wieder fotografieren. Die Kinder lassen es brav über sich ergehen, denn der Tourismus ist hier die wichtigste Ressource. Es sind übrigens nur Touris aus dem eigenen Land da. Zu der ganzen Szenerie gibt es viel Sonne, viel Staub, viel Wärme und über das Örtchen schallende Klagelieder. Erst dachten wir, der Muezzin hätte sich um eine Stunde vertan, dann kamen wir aber an einem Haus vorbei, in dem getrauert wurde – eine Frau war gestorben und ihr zu Ehren gibt es den Gesang.
Dann kommen wir an eine Moschee und nachdem mein Vater getestet hat, ob da auch Frauen ohne Tschador reindürfen, habe ich Zutritt. Im Innenhof geht es lustig zu, Kinder kreischen, planschen am Wasserbeckenrand und es ist jede Menge Trubel. Eine Wand hängt voller Bilder derer, die man anbeten könnte. Weiter innen beten manche vertieft an plastikblumenbehängten Heiligkeiten.
In einem Laden (von aussen sind sie selten als solche zu erkennen) läuft eine DVD über den Ort. Wir erwischen gerade die Szene, als ein Trauerzug durch die menschenvollen Gassen zieht, 10 Männer auf den Schultern eine riesige Holzkonstruktion mit der Leiche tragen, auf der abschüssigen Gasse plötzlich ins Straucheln geraten und mit Holzkonstruktion, dem Toten und ordentlich Schmackes auf die Trauernden zu fliegen! Ein vielfaches Quieken, Aufschreien, helfende Hände, stützende Arme – die Katastrophe wird im letzten Moment aufgefangen. Doch die Szene hat etwas so urkomisches, dass wir schnell aus dem Laden rausmüssen….
Vorher habe ich dort sogar ein Poster gekauft, auf dem man das ganze rote Dorf am roten Hang sehen kann – so schön ist das!









