Noch lieber als im Teheraner Vorgarten sitze ich in der großen Küche von Hadji Kolla auf der Bank mit dem Laptop auf dem Schoß und richtig gutem frischem Wind um die Nase! Was für eine Erholung – endlich saubere Luft! Als ich vorgestern in einer miesen Mücken-Nacht in Teheran aus Verzweiflung nachts bei geschlossenem Fenster schlief und es morgens zum Durchlüften öffnete bevor ich ins Bad ging, traf mich die Keule als ich wieder ins Zimmer kam …es roch wie in einer runtergekommenen Schrauberwerkstatt, die darauf spezialisiert ist, Vergaser neu einzustellen !!!
(Huch – gerade wird’s mit einem Schlag dunkel und die Musik ist aus, Totenstille … nur mein Laptop leuchtet noch durch die Nacht … hatte ganz vergessen, dass Stromausfall hier zur Tagesordnung gehört.)
Ansonsten ist hier die Luft und die Welt noch in Ordnung. Wieder ertönt das Schakal-Gejaul-Konzert … pünktlich einmal am frühen Abend kurz nach Einbruch der Dunkelheit und einmal nachts. Für persische Verhältnisse sind die Schakale (außer dem Muezzin!) das Pünktlichste und Zuverlässigste, was mir hier begegnet.
Apropos Muezzin:Seit Montag ist für 30 Tage im Iran Ramasahn. Ich habe mich immer gefragt, wer denn bestimmt, wann die Sonne endgültig untergegangen ist und man über Speis und Trank herfallen darf. – Der Muezzin bestimmt es ! Er singt ja eh bei Sonnenuntergang sein drittes und letztes mal am Tag (die Araber singen fünf mal täglich) und diesen Gesang – der für den Hungernden und Dürstenden endlos dauert (ich weiß, wovon ich spreche!) – muss man abwarten. Wenn er endlich verstummt ist, geht’s los: Dann werden die Wasserflaschen an den Hals gesetzt, die Zigaretten angezündet, die Babys gefüttert, große Tablettes mit Tee durch den Basar getragen und überall gekaut. Durch einen schmalen Eingang, vor dem ein Riesenbottich mit persischem Eintopf (mit Nudeln!) steht, sehe ich ca. 30 Männer jeden Alters beim typischen OP-Licht an einer schmucklosen Tafel sitzen und eben jenen Eintopf aus Blechnäpfen verschlingen – eine Szenerie wie aus dem Knast. Also, wie ich mir Knast-Kantinen vorstelle….sagen wir mal eher „filmreif“. Vor den Bäckereien stehen lange Schlangen an. Meine liebste Szenerie im Iran ist, wenn die Leute gerade vom (Brot-) Bäcker kommen: Wie Gabelstapler tragen sie auf den Unterarmen einen halben Meter hohen Stapel der großen länglichen dünnen Fladen vor sich her, so dass sie gerade noch oben drüber schauen können – ein herrlicher Anblick!
Es gibt speziell zur Ramasahn-Zeit ein Schmalzgebäck, dass durch honigartigen Sirup gezogen wird und wie große gelbe Schneekristalle aussieht – extrem lecker ! Da tagsüber trotz des Ess-Verbots alles mögliche Essbare verkauft werden darf und einem die Düfte auch ordentlich um die Nase wehen, tut einem erstrecht der Magen weh vor lauter Appetit, der sich durch das Verbot sowieso immens steigert!
In den eigenen vier Wänden bzw. bei Freunden und Familie macht der Perser natürlich auch an Ramasahn, was er will – also tagsüber essen und trinken. Sobald man aber unterwegs ist, geht das nicht mehr. Ebenso, wie ich hier Kopf und Körper bedecken muss, obwohl ich Touristin bin, darf auch ich jetzt in der Öffentlichkeit nichts zu mir nehmen, auch nicht Kaugummi kauen etc. Blöd, wenn man lange draußen unterwegs ist. Ohne Essen ist ok, obwohl ne Walnuss zwischendurch schon ganz nett wäre. Aber ohne Wasser ist bei der staubtrockenen Luft Teherans der Hammer! Im Nu habe ich wieder Halsschmerzen! Wie geht es da erst alten Menschen und Kindern ??? Wann der Ramasahn im Jahr stattfindet, berechnet sich nach dem arabischen Kalender, der sich vom persischen Kalender aber unterscheidet. Das Datum rückt jedes Jahr um 10 Tage „zurück“, so dass er in 30 Jahren wieder am gleichen Datum wie jetzt stattfinden wird (damit man die Rechnung nachvollziehen kann, muß man die Besonderheiten beider Kalender kennen – ist kompliziert … ich hatte das im Farsi-Unterricht und habs nicht ganz verstanden!). So werden die Ramasahne der nächsten Jahre immer mehr in den heißen Sommer fallen – unvorstellbar, wie die Leute das aushalten!
Das Fasten-Brechen heißt Eftar und vor dem ersten Bissen murmeln die Gläubigen einen bestimmten Spruch aus dem Koran, jeden Tag einen anderen. Zu dieser Zeit sind die Straßen wie leergefegt, denn nun ist jeder gute Gläubige brav zu Hause und isst endlich was. Wer jetzt auf der Straße rumlungert, outet sich als Nicht-Gläubiger, denn dann hat er wohl schon tagsüber gegessen! So unterscheidet man das hier.
Inzwischen sieht man übrigens sehr viel Jungvolk auf den Straßen: Seit einer Woche sind die Schulferien vorbei, sie dauern 3 Monate, weil der persische Sommer einfach zu heiß ist. Die Kinder kommen mit 7 Jahren in die Schule – eine Vorschule gibt es aber auch irgendwie. Bis zum Abitur sind es 12 Schuljahre, so dass sie auch erst mit 19 da rauskommen. Ein Studium dauert im Schnitt 3-4 Jahre, Medizin 7 Jahre. Ohne Abitur und Studium wird man im Iran nichts besonderes, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Arbeitnehmer haben pro Jahr 20 Tage Urlaub bei einer 6-Tage-Arbeitswoche. Da ich schon bei Zahlen bin: Ich erfahre, dass es im Iran jährlich 30.000 Verkehrstote gibt! Die meisten davon Mopedfahrer (= Motorradfahrer) und ziemlich jung. Das wundert mich nicht. Mopedfahrer tragen prinzipiell keine Schutzbekleidung und nur im verkehrspolizei-intensiveren innersten Stadtkern Teherans vielleicht mal einen Helm. In anderen Städten und auf dem Land habe ich keinen Helm gesehen. Dafür sind sie oft zu dritt, manchmal zu viert auf einem Moped unterwegs! Nicht selten mit kleinen Kindern. Bei dem irren Verkehr! Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen – Inshallah! Man kann sich nicht vorstellen, wie hier einfach alle drauflosfahren. Kreisverkehr ist besonders lustig – aus zwei Spuren machen sie einfach fünf, quetschen sich alle nebeneinander, ineinander und wenn der von ganz innen nach ganz aussen will schafft er das auch mit beharrlichem Durchschieben seines Blechkastens durch die hupenden Reihen. Wer den Kreis ¾ umfahren müsste, spart sich die Mühsal und fährt das eine Viertel einfach gegen den Strich! Auch gegen den fünfspurigen Strich! Wie oft einem hier Autos und Mopeds in falscher Richtung entgegenkommen… auch in Einbahnstrassen! Und auf dem Standstreifen der Autobahn! Die Hupe ist generell wichtiger als die Bremse. Mut auch. Ampeln sind sehr selten. Überholt wird rechts wie links und so knapp, dass man um seine Aussenspiegel bangt. Und dazwischen werfen sich noch die Fußgänger ! Nun fahre ich ja immer im Jeep und der ist erhöht – wie muss das feeling in einem normalen PKW sein, wo man noch nichtmal einen Überblick hat ?! Und dann die vielen Schrottkarossen …(für 10 Euro kann man den jährlichen TÜV schmieren) Und die großen Tankwagen, die auf Überlandstrecken in uneinsehbaren Kurvenstrecken durch die Berge oder in Tunnels übelste Überholmanöver durchführen …. Inshallah !!!!!
Ich habe bisher dreimal mit der Digitalkamera kleine Autofahrten durch Teheran gefilmt. Für euch zuhause. Ich hab sie alle wieder gelöscht. Denn ich sah vor dem geistigen Auge schon, wie euch vom zugucken schlecht wird und ihr ruft „Um Gottes Willen, mach das aus!“. Vielleicht versuch ich’s noch einmal und verkauf den Film an das 3-D-Kino im Phantasialand
Künftigen Iran-Reisenden sei auch gesagt: Das Daumen-hoch-Zeichen spart man sich in diesem Land besser. Es bedeutet soviel wie „Der ist für deine Mutter!“ Besser ist das Ring-Zeichen mit Daumen und Zeigefinger. Allerdings muss das flach sein. Wenn es zu rund ausfällt, gibt’s auch Ärger …
Gestern bekam ich von babas Freund und Arzt eine Exklusiv-Führung durch eine Privatklinik, in der er (trotz 76 Jahren immer noch!) tagsüber arbeitet, bevor er – wie die anderen Ärzte auch – in seine Privatpraxis geht und dort weiterarbeitet. Denn vom Klinikgehalt alleine kann man nicht leben. Zahlen weiß ich nicht, aber dass sie in ihren eigenen Praxen das 7 bis 10fache verdienen… Mir gehen ganz schön die Augen über beim Anblick der Einzelzimmer sowie des Ärzte-Aufenthaltsraumes … 5 Sterne Kategorie !!! Und überall Sicherheitsleute! Unglaublich viele! Mehr als Krankenschwestern. Diese tragen übrigens giftgrüne Roben und darüber diese Nonnenkutten in weiß. Administratives Personal trät dasselbe in grau und schwarz. Ich lasse mir alles zeigen, OP-Räume, Intensiv-Station, Frühchen-Station, Kardio-Bereich, CT, Ultraschall, Notaufnahme …. und werde immer wieder Ärzten vorgestellt, die mich neugierig mustern. Ich versuche, so diskret wie irgend möglich alles zu fotografieren. Siemens-Geräte sind allgegenwärtig. Mir fällt auf, dass nirgendwo Hektik herrscht. Alles ist gemächlich und friedlich. Vielleicht ist das aber typisch für Privatkliniken? Sie haben aber auch Verträge mit ein paar Krankenversicherungen. Ansonsten zahlt man cash on the nail – vor der Behandlung. Ich frage nach Zahlen. Es gibt 815 Mann Personal. Bei 150 Betten. Ja und wieviel davon sind Ärzte? Von den 815 ? Keiner! Die Ärzte zählen extra: Es sind 100!
Ich höre immer wieder von Iranern, dass die Ärzte zwar ganz hervorragend wären, sich aber überhaupt keine Zeit für Patienten nehmen, weil sie pro Patient bezahlt werden. Man sagt also dem Arzt, was einem fehlt und erhält ohne Untersuchung ein Medikament bzw. ein Rezept, von dem man ca. 10-15% Anteil in der Apotheke zu zahlen hat. Viele behaupten, ihre Angehörigen könnten noch leben, wenn sich der Arzt den Patienten mal angeschaut hätte. Wer einen Arzt kennt, also Beziehungen hat, ist wie immer etwas besser dran – so funktioniert hier eh alles. Wie überall eigentlich, nur etwas ausschliesslicher.
Es gäbe noch so viel zu erzählen … von Schwimmbädern die morgens für Frauen und nachmittags für Männer geöffnet sind, von den obligatorischen Gummi-Schlappen auf privaten persischen Toiletten, von der Metro, die extra Frauen-Abteile und gemischte Abteile hat, von der typischsten Handbewegung iranischer Frauen (nämlich das verrutschende Kopftuch in die Stirn zu ziehen… zigmal am Tag!), von den Grundschulen die vormittags und nachmittags unterrichten müssen, wenn sie nicht genügend Räumlichkeiten für alle Kinder haben, von den unbeleuchteten Baustellen aufgerissener Strassen, die nachts plötzlich vor einem auftauchen und die ganze Szenerie in Motocross verwandeln (einmal gab es um 2 h nachts einen großen Stau, weil im stockdunkelen ein Wagen über einen Schutthaufen getragen werden musste!), etc.
Vielleicht ist das Land so abwechselungsreich, weil Organisation keine Rolle spielt? Wenn man bei uns in eine andere Stadt fahren will, nimmt man sein (funktionierendes) Auto, eine Karte und einen Stadtplan. Dann kommt man an und hat sich vielleicht unterwegs mit dem Partner gestritten, wie es am kürzesten gewesen wäre. Wie langweilig. Hier weiß man nichtmal, ob das Auto mitmacht, ob man unterwegs plattgefahren wird, ob der wichtigste fünfspurige Zubringer aus unbekannten Gründen überraschend gesperrt ist und man deshalb durch etliche Vorstädte zockeln muss, ob und wie man in die Stadt hineinkommt und wieviele Menschen man fragen muss, um endlich die Straße zu finden, die man angepeilt hat. Ja, man hätte sich das vorher am Telefon erklären lassen können, aber die wissen es ja auch nicht so genau… Ich verstehe, warum sich hier niemand um eine genaue Uhrzeit verabreden KANN – man weiß ja nie, inshallah
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