Abschied Samstag, Sep 30 2006 

Abschied

Ich hätte noch soviel schreiben können, wollen, sollen …. Doch der weblog (also ich) hatte nicht den Anspruch, einen kompletten Abriss über den Iran zu liefern. Wer kann das schon. Immer wieder wird mir hier bestätigt, dass die Leute zwei Gesichter hätten – nicht böswillig, sondern um in diesem Regime überleben zu können. Krieg da mal was Vernünftiges aus den Leuten raus…. Ich konnte nicht alles aufschreiben, was ich sah – wer hat auch soviel Zeit zum Lesen? Aber es ist alles in meinem Kopf und wenn jemand von mir irgendetwas wissen möchte, freu ich mich und erzähle. Auf Monate hinaus werde ich dabei persische Süßigkeiten anbieten können … ein Koffer ist nur damit voll!

Mein farsi ist wesentlich besser geworden. Ich verstehe an einem Abend mit zig Gästen aller Altersstufen schon recht viel und mische auch gut selber mit – einmal hab ich sogar nen Witz erzählt….

Längst kann ich Geröllhalden von Geschäften unterscheiden. Im Auto werde ich auf meinem Sitz immer noch durch die Gegend geschüttelt, nun aber ohne mir dabei auf die Zunge zu beißen! Ich bin daran gewöhnt, dass die meisten Backstuben so aussehen, wie ich mir Gefängnisse aus Uralt-Western vorstelle, so karg und vergittert sind sie. Und die Dorf-Friseure wie vor 100 Jahren… Müßig zu erwähnen, dass man dort natürlich nie Frauen sitzen sieht … sie werden in nicht einsehbaren Räumen frisiert. Und wenn ich schon dabei bin: Bis auf die Haare aufm Kopp und Bärte rasieren sich viele Perser bzw. stutzen die Körperhaare auf Kornlänge! Das war früher gegen die Läuse wichtig und heute tun es die meisten eben immer noch. Auch die Mädels – ich habe schon sehr oft überraschend einen rasierten Unterarm angefasst!

Auch lache ich mich im Restaurant nicht mehr schlapp, wenn ich vom Kellner nach dem Essen einen Zahnstocher und einen Bananen-Kaugummi gereicht bekomme! Ersteres für die Kebab-Reste – klar – , aber Zweiteres gegen die Knoblauch-Fahne! Ich mag beides nicht, bringe aber Anschauungsstücke mit.

Dieser Text aus der Serie „wo man so zum weblog schreiben kommt“ entsteht übrigens gerade im Norden Irans am Schreibtisch im Ausstellungsraum eines Möbelgeschäfts. Das Geschäft gehört einem Mann, der meinem Vater Geld schuldet und ihm stattdessen ein Grundstück seines Cousins anbieten will, weshalb die zwei mal eben für ne (persische!) Stunde zum Objekt rausgefahren sind, während ich in Steckdosennähe bleibe, um endlich mal weiter schreiben zu können. Indem ich dies tippe, kommt eine Kundin rein und möchte von mir beraten werden! Na schön, seh ich eben aus, wie eine Möbelverkäuferin….?! Ich lasse sie höflich ihre Wünsche zu Ende formulieren und hole dann jemanden aus der Schreinerei, die nur durch eine mit Polsterstoff bezogene Wand vom Verkaufsraum abgetrennt ist, so dass man die entsprechende Geräuschkulisse auch gleich im Laden hat!

Draußen regnet es eine halbe Stunde lang ziemlich heftig. Niemand hat einen Schirm. Erst später am Tag sehe ich einen Händler hektisch einen ganzen Kofferraum voller Schirme ausladen … diesen Artikel kann man hier getrost monatelang einmotten.

Wieder zurück in Teheran wollten wir nur eine Cousine mit ihren beiden Töchtern besuchen … an dem Schuh-Haufen vor der Wohnungstür hätte ich schon merken müssen, dass es doch mehr Leute sein müssen … Es waren 34 ! Die wollten mich vor Abflug noch mal sehen … .

Ich hatte im ersten weblog erwähnt, dass meine Ankunft gefilmt worden ist – der Film ist inzwischen professionell geschnitten, mit Musik unterlegt und wirklich klasse geworden! Wir alle haben ihn gestern geguckt – richtig spannend und liebevoll gemacht! Der „Regisseur“ (mein Großcousin) kommt nachher noch hier vorbei und bringt mir eine Kopie davon! Ein anderer bringt noch schnell eine CD mit Fotos und Filmen von unseren Abenden in Hadji Kolla. Und ein dritter stellt mir noch gerade noch eine CD mit persischer Musik zusammen. Bei sovielen auf-den-letzten-Drücker-Aktionen fühle ich mich auch sehr heimisch ;-)

Ein Schlusswort für so eine Reise ist mindestens ebenso schwer, wie Anfangs etwas in Worte zu packen, was man nur selber erleben und fühlen kann. Aufgeschrieben kann soviel Gefühl meiner Familie und der Freunde schnell kitschig oder übertrieben wirken – so wie man manchen Sonnenuntergang einfach nur genießt und auf Fotos verzichtet, weil es auf einem Bild zu „gemalt“ wirken und der Sache nicht gerecht werden würde. Nur wenn man dabei ist, da drin ist, merkt man, dass das alles echt ist – und selbst dann kann man es noch nicht fassen.

Sonntag bin ich wieder daheim.

Inshallah ;-)

Ramasahn Samstag, Sep 30 2006 

Noch lieber als im Teheraner Vorgarten sitze ich in der großen Küche von Hadji Kolla auf der Bank mit dem Laptop auf dem Schoß und richtig gutem frischem Wind um die Nase! Was für eine Erholung – endlich saubere Luft! Als ich vorgestern in einer miesen Mücken-Nacht in Teheran aus Verzweiflung nachts bei geschlossenem Fenster schlief und es morgens zum Durchlüften öffnete bevor ich ins Bad ging, traf mich die Keule als ich wieder ins Zimmer kam …es roch wie in einer runtergekommenen Schrauberwerkstatt, die darauf spezialisiert ist, Vergaser neu einzustellen !!!

(Huch – gerade wird’s mit einem Schlag dunkel und die Musik ist aus, Totenstille … nur mein Laptop leuchtet noch durch die Nacht … hatte ganz vergessen, dass Stromausfall hier zur Tagesordnung gehört.)

Ansonsten ist hier die Luft und die Welt noch in Ordnung. Wieder ertönt das Schakal-Gejaul-Konzert … pünktlich einmal am frühen Abend kurz nach Einbruch der Dunkelheit und einmal nachts. Für persische Verhältnisse sind die Schakale (außer dem Muezzin!) das Pünktlichste und Zuverlässigste, was mir hier begegnet.

Apropos Muezzin:Seit Montag ist für 30 Tage im Iran Ramasahn. Ich habe mich immer gefragt, wer denn bestimmt, wann die Sonne endgültig untergegangen ist und man über Speis und Trank herfallen darf. – Der Muezzin bestimmt es ! Er singt ja eh bei Sonnenuntergang sein drittes und letztes mal am Tag (die Araber singen fünf mal täglich) und diesen Gesang – der für den Hungernden und Dürstenden endlos dauert (ich weiß, wovon ich spreche!) – muss man abwarten. Wenn er endlich verstummt ist, geht’s los: Dann werden die Wasserflaschen an den Hals gesetzt, die Zigaretten angezündet, die Babys gefüttert, große Tablettes mit Tee durch den Basar getragen und überall gekaut. Durch einen schmalen Eingang, vor dem ein Riesenbottich mit persischem Eintopf (mit Nudeln!) steht, sehe ich ca. 30 Männer jeden Alters beim typischen OP-Licht an einer schmucklosen Tafel sitzen und eben jenen Eintopf aus Blechnäpfen verschlingen – eine Szenerie wie aus dem Knast. Also, wie ich mir Knast-Kantinen vorstelle….sagen wir mal eher „filmreif“.  Vor den Bäckereien stehen lange Schlangen an. Meine liebste Szenerie im Iran ist, wenn die Leute gerade vom (Brot-) Bäcker kommen: Wie Gabelstapler tragen sie auf den Unterarmen einen halben Meter hohen Stapel der großen länglichen dünnen Fladen vor sich her, so dass sie gerade noch oben drüber schauen können – ein herrlicher Anblick!

Es gibt speziell zur Ramasahn-Zeit ein Schmalzgebäck, dass durch honigartigen Sirup gezogen wird und wie große gelbe Schneekristalle aussieht – extrem lecker ! Da tagsüber trotz des Ess-Verbots alles mögliche Essbare verkauft werden darf und einem die Düfte auch ordentlich um die Nase wehen, tut einem erstrecht der Magen weh vor lauter Appetit, der sich durch das Verbot sowieso immens steigert!

In den eigenen vier Wänden bzw. bei Freunden und Familie macht der Perser natürlich auch an Ramasahn, was er will – also tagsüber essen und trinken. Sobald man aber unterwegs ist, geht das nicht mehr. Ebenso, wie ich hier Kopf und Körper bedecken muss, obwohl ich Touristin bin, darf auch ich jetzt in der Öffentlichkeit nichts zu mir nehmen, auch nicht Kaugummi kauen etc. Blöd, wenn man lange draußen unterwegs ist. Ohne Essen ist ok, obwohl ne Walnuss zwischendurch schon ganz nett wäre. Aber ohne Wasser ist bei der staubtrockenen Luft Teherans der Hammer! Im Nu habe ich wieder Halsschmerzen! Wie geht es da erst alten Menschen und Kindern ??? Wann der Ramasahn im Jahr stattfindet, berechnet sich nach dem arabischen Kalender, der sich vom persischen Kalender aber unterscheidet. Das Datum rückt jedes Jahr um 10 Tage „zurück“, so dass er in 30 Jahren wieder am gleichen Datum wie jetzt stattfinden wird (damit man die Rechnung nachvollziehen kann, muß man die Besonderheiten beider Kalender kennen – ist kompliziert … ich hatte das im Farsi-Unterricht und habs nicht ganz verstanden!). So werden die Ramasahne der nächsten Jahre immer mehr in den heißen Sommer fallen – unvorstellbar, wie die Leute das aushalten!

Das Fasten-Brechen heißt Eftar und vor dem ersten Bissen murmeln die Gläubigen einen bestimmten Spruch aus dem Koran, jeden Tag einen anderen. Zu dieser Zeit sind die Straßen wie leergefegt, denn nun ist jeder gute Gläubige brav zu Hause und isst endlich was. Wer jetzt auf der Straße rumlungert, outet sich als Nicht-Gläubiger, denn dann hat er wohl schon tagsüber gegessen! So unterscheidet man das hier.

Inzwischen sieht man übrigens sehr viel Jungvolk auf den Straßen: Seit einer Woche sind die Schulferien vorbei, sie dauern 3 Monate, weil der persische Sommer einfach zu heiß ist. Die Kinder kommen mit 7 Jahren in die Schule – eine Vorschule gibt es aber auch irgendwie. Bis zum Abitur sind es 12 Schuljahre, so dass sie auch erst mit 19 da rauskommen. Ein Studium dauert im Schnitt 3-4 Jahre, Medizin 7 Jahre. Ohne Abitur und Studium wird man im Iran nichts besonderes, die Arbeitslosigkeit ist hoch. Arbeitnehmer haben pro Jahr 20 Tage Urlaub bei einer 6-Tage-Arbeitswoche.  Da ich schon bei Zahlen bin: Ich erfahre, dass es im Iran jährlich 30.000 Verkehrstote gibt! Die meisten davon Mopedfahrer (= Motorradfahrer) und ziemlich jung. Das wundert mich nicht. Mopedfahrer tragen prinzipiell keine Schutzbekleidung und nur im verkehrspolizei-intensiveren innersten Stadtkern Teherans vielleicht mal einen Helm. In anderen Städten und auf dem Land habe ich keinen Helm gesehen. Dafür sind sie oft zu dritt, manchmal zu viert auf einem Moped unterwegs! Nicht selten mit kleinen Kindern. Bei dem irren Verkehr! Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen – Inshallah! Man kann sich nicht vorstellen, wie hier einfach alle drauflosfahren. Kreisverkehr ist besonders lustig – aus zwei Spuren machen sie einfach fünf, quetschen sich alle nebeneinander, ineinander und wenn der von ganz innen nach ganz aussen will schafft er das auch mit beharrlichem Durchschieben seines Blechkastens durch die hupenden Reihen. Wer den Kreis ¾ umfahren müsste, spart sich die Mühsal und fährt das eine Viertel einfach gegen den Strich! Auch gegen den fünfspurigen Strich! Wie oft einem hier Autos und Mopeds in falscher Richtung entgegenkommen… auch in Einbahnstrassen! Und auf dem Standstreifen der Autobahn! Die Hupe ist generell wichtiger als die Bremse. Mut auch. Ampeln sind sehr selten. Überholt wird rechts wie links und so knapp, dass man um seine Aussenspiegel bangt. Und dazwischen werfen sich noch die Fußgänger ! Nun fahre ich ja immer im Jeep und der ist erhöht – wie muss das feeling in einem normalen PKW sein, wo man noch nichtmal einen Überblick hat ?! Und dann die vielen Schrottkarossen …(für 10 Euro kann man den jährlichen TÜV schmieren) Und die großen Tankwagen, die auf Überlandstrecken in uneinsehbaren Kurvenstrecken durch die Berge oder in Tunnels übelste Überholmanöver durchführen …. Inshallah !!!!!

Ich habe bisher dreimal mit der Digitalkamera kleine Autofahrten durch Teheran gefilmt. Für euch zuhause. Ich hab sie alle wieder gelöscht. Denn ich sah vor dem geistigen Auge schon, wie euch vom zugucken schlecht wird und ihr ruft „Um Gottes Willen, mach das aus!“. Vielleicht versuch ich’s noch einmal und verkauf den Film an das 3-D-Kino im Phantasialand ;-)

Künftigen Iran-Reisenden sei auch gesagt: Das Daumen-hoch-Zeichen spart man sich in diesem Land besser. Es bedeutet soviel wie „Der ist für deine Mutter!“ Besser ist das Ring-Zeichen mit Daumen und Zeigefinger. Allerdings muss das flach sein. Wenn es zu rund ausfällt, gibt’s auch Ärger …

Gestern bekam ich von babas Freund und Arzt eine Exklusiv-Führung durch eine Privatklinik, in der er (trotz 76 Jahren immer noch!) tagsüber arbeitet, bevor er – wie die anderen Ärzte auch – in seine Privatpraxis geht und dort weiterarbeitet. Denn vom Klinikgehalt alleine kann man nicht leben. Zahlen weiß ich nicht, aber dass sie in ihren eigenen Praxen das 7 bis 10fache verdienen… Mir gehen ganz schön die Augen über beim Anblick der Einzelzimmer sowie des Ärzte-Aufenthaltsraumes … 5 Sterne Kategorie !!! Und überall Sicherheitsleute! Unglaublich viele! Mehr als Krankenschwestern. Diese tragen übrigens giftgrüne Roben und darüber diese Nonnenkutten in weiß. Administratives Personal trät dasselbe in grau und schwarz. Ich lasse mir alles zeigen, OP-Räume, Intensiv-Station, Frühchen-Station, Kardio-Bereich, CT, Ultraschall, Notaufnahme …. und werde immer wieder Ärzten vorgestellt, die mich neugierig mustern. Ich versuche, so diskret wie irgend möglich alles zu fotografieren. Siemens-Geräte sind allgegenwärtig. Mir fällt auf, dass nirgendwo Hektik herrscht. Alles ist gemächlich und friedlich. Vielleicht ist das aber typisch für Privatkliniken? Sie haben aber auch Verträge mit ein paar Krankenversicherungen. Ansonsten zahlt man cash on the nail – vor der Behandlung. Ich frage nach Zahlen. Es gibt 815 Mann Personal. Bei 150 Betten. Ja und wieviel davon sind Ärzte? Von den 815 ? Keiner! Die Ärzte zählen extra: Es sind 100!

Ich höre immer wieder von Iranern, dass die Ärzte zwar ganz hervorragend wären, sich aber überhaupt keine Zeit für Patienten nehmen, weil sie pro Patient bezahlt werden. Man sagt also dem Arzt, was einem fehlt und erhält ohne Untersuchung ein Medikament bzw. ein Rezept, von dem man ca. 10-15% Anteil in der Apotheke zu zahlen hat. Viele behaupten, ihre Angehörigen könnten noch leben, wenn sich der Arzt den Patienten mal angeschaut hätte. Wer einen Arzt kennt, also Beziehungen hat, ist wie immer etwas besser dran – so funktioniert hier eh alles. Wie überall eigentlich, nur etwas ausschliesslicher.

Es gäbe noch so viel zu erzählen … von Schwimmbädern die morgens für Frauen und nachmittags für Männer geöffnet sind, von den obligatorischen Gummi-Schlappen auf privaten persischen Toiletten, von der Metro, die extra Frauen-Abteile und gemischte Abteile hat, von der typischsten Handbewegung iranischer Frauen (nämlich das verrutschende Kopftuch in die Stirn zu ziehen… zigmal am Tag!), von den Grundschulen die vormittags und nachmittags unterrichten müssen, wenn sie nicht genügend Räumlichkeiten für alle Kinder haben, von den unbeleuchteten Baustellen aufgerissener Strassen, die nachts plötzlich vor einem auftauchen und die ganze Szenerie in Motocross verwandeln (einmal gab es um 2 h nachts einen großen Stau, weil im stockdunkelen ein Wagen über einen Schutthaufen getragen werden musste!), etc.

Vielleicht ist das Land so abwechselungsreich, weil Organisation keine Rolle spielt? Wenn man bei uns in eine andere Stadt fahren will, nimmt man sein (funktionierendes) Auto, eine Karte und einen Stadtplan. Dann kommt man an und hat sich vielleicht unterwegs mit dem Partner gestritten, wie es am kürzesten gewesen wäre. Wie langweilig. Hier weiß man nichtmal, ob das Auto mitmacht, ob man unterwegs plattgefahren wird, ob der wichtigste fünfspurige Zubringer aus unbekannten Gründen überraschend gesperrt ist und man deshalb durch etliche Vorstädte zockeln muss, ob und wie man in die Stadt hineinkommt und wieviele Menschen man fragen muss, um endlich die Straße zu finden, die man angepeilt hat. Ja, man hätte sich das vorher am Telefon erklären lassen können, aber die wissen es ja auch nicht so genau… Ich verstehe, warum sich hier niemand um eine genaue Uhrzeit verabreden KANN – man weiß ja nie, inshallah ;-)  

Leben in Teheran … Donnerstag, Sep 28 2006 

Nach der Iran-Rundfahrt und der Geburtstagsfeier brauche ich erstmal Urlaub … Natürlich sind wir jeweils abends eingeladen, aber tagsüber genieße ich das kopftuch- und mantelfreie Sitzen im Teheraner Vorgarten mit Lesen und Schreiben und gehe nur für kleinere Vorhaben raus, wie Besuch im Teheraner Basar in der alten Innenstadt oder Palast-Museum von Vater Schah angucken. Es ist nicht mehr so heiß, aber immer noch ist ein Unterhemd unterm Mantel fast zuviel !

 

Dass ich nicht mehr jeden Tag in einer anderen Stadt bin, schärft die Sinne auch wieder für die kleinen Dinge um einen herum.

Mehrmals täglich hört man die Alarmanlagen von Autos, die sich wie von Eltern verhasstes Kinder-Spielzeug-Gedudel anhören – so übertrieben klingen die lächerlich häufigen Wechsel der Ton- und Rhythmusfolgen!!! Habe ich erwähnt, dass die Polizei im Iran brav Mercedes fährt?! Und dass die meissten Taxis weiß-grün sind und somit immer erstmal an Polizei erinnern … außer, dass Taxis niemals Mercedesse sind!

Habe ich von den Leuten auf den Straßen geschrieben? Dass man – logo – keine Bierbäuche sieht und eh die meissten Männer eher schmal sind ??!!! Dass Frauen oft Hand in Hand gehen? Dass Männer sich viel mehr anfassen als bei uns? Dass Paare sich in der Öffentlichkeit quasi nie berühren? Dass einige weiße Handschuhe tragen – manche aus Religiosität, manche aus hygienischen Gründen? Dass ich ganz selten mal jemanden mit einer Staubmaske über Mund und Nase sehen? Dass so ziemlich alle Frauen, die nicht Tschador tragen Jeans anhaben deren Hosenbeine weit umgeschlagen sind, wie bei uns, dazu Sneakers und natürlich die riesigen Sonnenbrillen, die gerade en vogue sind ?! (Einige ziehen auch noch Schirmmützen aufs Kopftuch…) Dass manche unterm Mantel ebenfalls bauchfrei tragen und Bauchnabel-gepierct sind? Dass man kein Militär, sondern nur ein paar Verkehrspolizisten in weißer Uniform mit schräger blauer Schärpe sieht? Dass die „Wächter“ in zivil rumlaufen, man also niemals weiß, ob man gerade beobachtet wird ?! (Ein sehr unangenehmes Gefühl – ich kriege das erst mit, als ich den Innenhof des Teheraner Basars inkl. Moschee fotografieren will, ein Verbots-Schild sehe und zu baba sage „Ist ja eh kein Polizist hier“ …da erst macht er mich auf die unsichtbaren Wächter aufmerksam!)

 

Und hab ich erzählt, dass auf der Straße quasi niemand raucht, dafür jeder zweite handy-telefoniert und die ganz wichtigen Jungs mit dem Bluetooth-Teil am Ohr rumrennen, auch wenn sie gar nicht telefonieren? 

 

Auch schön zu beobachten ist der Hype um die Serie „Nargess“: Jeden abend um 22.30 h klebt die Nation (Männer wie Frauen, jung wie alt!) an der Glotze (die eh immer und überall läuft) und ist für eine Stunde (mit Werbeunterbrechungen – die Werbung ist auch nicht besser als bei uns) völlig absorbiert von dem Schicksal einer jungen Frau „Nargess“ und ihrer Familie. Es ist immer tragisch bis dramatisch, die Musik dito, gelacht wird nie, dafür gibt’s viele ernsthafte Gespräche und Telefonate und immer ein besorgtes Gesicht eines Familienmitgliedes im Hintergrund – einfach köstlich! Sie sprechen dankenswerterweise so langsam und ohne Akzent, dass ich sogar einiges davon verstehe. Nach der Hälfte des Drehs starb zufällig die Hauptdarstellerin (Verkehrsunfall glaube ich – das muss hier eh die häufigste Todesursache sein, wenn man sich den Verkehr anschaut!!!). Sie wurde ersetzt durch eine hübschere, wie ich finde, und den Nargess-Hype hat dieses echte Drama eher noch beflügelt.

Mein Eindruck ist eh, dass die Perser sehr auf Dramatik stehen. Auch wenn die wenigen Nicht-Nargess-Gucker die Köpfe schütteln – sie haben ab 22.30 h keine Gesprächspartner mehr! Man kommt hier nicht dran vorbei, denn ALLE hocken gebannt vor der Glotze, im Restaurant wie in der Familie – so sehr man auch sonst um Gäste bemüht ist und alle 15 Minuten etwas anderes zu essen/ trinken anbietet … Nargess beschert eine Stunde „Karnickel-Starre“!

Zu allem Überfluss erfahre ich auch noch, dass der Regisseur dieser Star-Serie ein Mitglied meiner Familie ist! Mit dem allerdings niemand Kontakt hat! Kein Wunder – wer so erfolgreiche Serien produziert, muss das sehr regimegetreu tun …

 

Mit den Widersprüchen im Lande muss man erstmal klarkommen. Ich habe mich inzwischen daran gewöhnt, WMF-Geschäfte zu sehen, einen Tchibo-Laden sogar (!), eine riesige Leuchtreklame auf einem Teheraner Hochhaus von Villeroy & Boch (übrigens besteht Teheran ca. zu 50 % aus Hochhäusern) … als ich aber in einer Konditorei eine Torte mit Halloween-Kürbis-Fratze sehe, raffe ich nicht mehr, was die hier eigentlich wollen und was sie verteufeln … wie denn nu ????

Finde auch schwer zu begreifen, dass Frauen in der Öffentlichkeit unbedingt den Allerwertesten bedeckt halten müssen, während sämtliche Klamotten-Läden auf dem Gehsteig vor ihrem Geschäft die Hosen an wohlgeformten Schaufensterpuppen-Unterteilen (= die Dame ohne Oberleib), ausstellen! Und: Wenn man an einer Uni vorbeifährt (auf dem Gelände ist Tschador Pflicht!), sieht man die herauseilenden Mädels sich sofort das schwarze Zeug vom Körper reißen und das schicke Darunter zum Vorschein kommen. Diese Abscheu ist so deutlich und so öffentlich, dass es mich wundert (und freut), dass hier niemand eingreift.

Doch insgesamt ist die Stimmung so, dass man Angst hat, gegen die Regime-Regeln zu verstoßen. Die sind ja hier nicht zimperlich. Der Sohn einer Freundin ist Journalist und war verantwortlicher Redakteur einer Zeitung in Teheran. Vor 3 Jahren (da war er Mitte Zwanzig) hat man ihn wegen einer Karikatur festgenommen und für 2 Monate in den Knast gesteckt, Einzelhaft, 6 qm große Zelle mit nix drin. Er sagte mir, da lernt man viel über sich selbst… Nach 13 Tagen hat man ihm einen Koran in die Zelle geworfen. Da er arabisch kann, hat er den dann auch dreimal durchgelesen – wenn man sonst nix zu tun hat… Was ihm da sonst noch passiert ist, erzählt er nicht.

Seine Mutter arbeitet in einem radiologischen Institut, das seit einem Jahr Schwierigkeiten mit dem Regime hat. Welche, weiß ich nicht. Jedenfalls hat das Regime verfügt, dass sie nur noch 3-4 Patienten täglich haben dürfen, bis die „Schwierigkeiten“ geklärt sind. Das hat dazu geführt, dass man die Hälfte des Personals woanders unterbringen oder aber kündigen musste. Sie konnte bleiben, arbeitet aber ca. nur 6 Stunden am Tag. Das heisst, so lange ist sie dort anwesend. Bei drei Patienten ist nicht viel zu tun…Sie lebt mit ihrem Sohn zusammen, weil sie sich nicht zwei Wohnungen leisten können. 

 

Während meines Aufenthalts im Iran bekomme ich mit, wie immer mehr Internet-Cafes schließen – an mangelndem Interesse der Nutzer liegt es jedenfalls nicht…

Innerhalb der paar Wochen haben Freunde schon zweimal schriftliche Aufforderungen im Briefkasten gehabt, dass sie ihre Satellitenschüsseln entfernen sollen.

Wenn ich so zusammenrechne, sind sehr viele Kinder von babas Freunden nach dem Studium ins Ausland gegangen, die allermeissten nach Kanada, sonst USA, England, Deutschland. Eine Cousine hat gerade alles in die Wege geleitet um in nem halben Jahr nach Kanada zu ziehen, wo ihre Schwester schon längst ist. Das ist noch mal eine andere Zielgruppe, die hier aufgibt: Meine Cousine ist so alt wie ich, Architektin, ihr Mann Mitte Vierzig, Arzt, ihr Kind 13. Alle drei büffeln für den Toefl-Test, sprechen aber auch schon gutes Englisch. Der Mann meiner Cousine ist bereit, in Kanada jahrelange Zusatz-Studien auf sich zu nehmen, um als egal-was-für-ein-Arzt zu arbeiten und seinen guten Ruf und Stellung hier als Onkologe aufzugeben. Er sagt, er hält es mit den Leuten, den Heucheleien hier nicht mehr aus. Das sagen einige – und die gehen aber auch entweder gerade weg oder sind schon weg und kommen nur noch zu Besuch hierher.

 

Die anderen sagen, hier müsse man zwei Gesichter haben, auch die Kinder, die man in der Schule schon längst auszuhorchen versucht, ob es zu Hause auch religiös zugeht, ob sie Sendungen kennen, die auf Satellitenschüsseln schließen lassen etc.. Die Leute, die hier leben und bleiben sagen fast alle „wir haben Angst vor dem Regime, das wir ablehnen“ und „was sollen wir tun, da kann man nichts machen“ und zucken die Schultern. Sie warten auf den Retter, der sie erlöst (das ist sehr weltlich gemeint, nicht religiös) oder auf den richtigen Zeitpunkt, zu dem dann alle auf die Straße gehen und sich auflehnen würden. Mein Info ist, dass mindestens 70% der Bevölkerung ihr Staatsoberhaupt ablehnen. Aber hier ist einfach zuviel „Inshallah“ in den Köpfen. 

Wenn ich nun aufgrund dieses weblogs einkassiert werde, geht bitte für mich auf die Straße, ja ;-)

 

Geburtstagsfeier auf persisch Dienstag, Sep 26 2006 

Jetzt, da wir wieder in Teheran zurück sind, weiß ich schon eher wie der Hase läut: Ich sitze im T-Shirt, ¾-Hosen und ohne Kopftuch draußen im Garten des Teheraner Hauses in der Sonne! Nachbar-Mädels sind auch hier, sogar knapper bekleidet als ich, und quatschen über Jungs.

Man hört die üblichen Geräusche der Bauarbeiter irgendwo nebenan … allerdings ist hier Sonntag! Die Iraner haben eine 6-Tage-Woche mit ca. 10 Stunden Arbeitszeit pro Tag und 20 Tagen Urlaub im Jahr. Von Familie und anderen höre ich immer wieder, dass sie ja gerne englisch, deutsch oder was-auch-immer nebenbei lernen würden, allerdings sind sie platt, wenn sie nach 12 Stunden wieder zu Hause ankommen und am einzigen freien Tag ist doch eher Familie angesagt als Lernen!

Gestern, als wir in Teheran ankamen, hatten wir nur eben Zeit, Reisestaub abzuwaschen und uns schön zu machen – und dann ab zur Geburtstagsfeier! Ein Cousin hat einen „Garten“ ausfindig gemacht, in den die Familie reinpasst – man kann sich das kaum vorstellen: Von einer ganz normalen hässlichen Teheraner Schnellstrasse biegt man ab, berghoch, fährt plötzlich durch ein bunt leuchtendes Tor durch und dann mit 5 km/h eeeeewig durch eine bunte, glitzernde Amüsiermeile, durch die Deutsche niemals mit dem Auto fahren würden, hier allerdings tut man es zweispurig – ein Blechkarawanen-Gedränge den Berg hoch, den Berg hinunter!!! Daneben die herrlichsten Auslagen, Fresschen, Naschkram, alles irre bunt und lecker anzuschauen – wenn es nicht alles penetrant auf Auspuff-Höhe angerichtet wäre !!!

So schieben wir uns den Berg hoch und ich sehe Zuckerwatte, die an hohen Holzverästelungen ausgestellt wird und irgendwie malerisch-gespenstisch wirkt. Hier tobt das Leben. Es erinnert an die Flaniermeile von Renesse (NL) zu Stosszeiten, falls das jemand kennt!Und nichts sieht hier nach Garten aus !!!

Wir halten vor einem kleinen Imbiss-Irgendwas. Hm. Gehen rein. Hm. Hier entlang. Hm. Und dann führt eine Treppe hinunter in einen mit Springbrunnen und tierisch hohen Bäumen bestückten Garten mit sehr großen „tachten“, also mit Teppichen ausgelegten erhöhten Essplätzen, vor denen man die Schuhe auszieht, was immer wieder sehr fotogene Schuh-Stillleben zur Folge hat! Ungefähr 8 „tachte“ sind für uns reserviert! Und tatsächlich kommen von der Familie 80 Leute!!! Bis sich alle gegenseitig begrüßt haben, ist der Abend rum – aber das ist auch irgendwie Sinn der Sache ;-)

Man quatscht und lacht und dann kommen wieder welche und alle rappeln sich aus ihrem Schneidersitz auf und drücken und küssen und ziehen sich die runtergerutschten Kopftücher wieder auf den Kopf … es ist herrlich! Wie bei uns auch, setzten sich die Stilleren automatisch hier zusammen, die Lebhafteren dort, die Kinder und Jugendlichen verteilen sich komplett, tragen einander durch die Gegend und knutschen sich herzhaft. Das ulkige ist, dass sie das in jedem Alter beibehalten! Wenn unsereins als Teene irgendwann genant oder cool wird, bleiben sie so herzlich und knutschig wie die Kleinen. Die Jungs unseres Gastgebers in Esfahan waren beide Mitte/ Ende 20, aber ihre Liebe zueinander drückt sich deutlich aus – wir hätten zu Hause kein Erklärungsmuster dafür zur Hand. Oder was würdet ihr denken, wenn der eine Bruder im vorbeigehen dem andern einen Zopf aus dessen Mähne dreht und in auf die Stirn küsst?! Ich sehe das immer wieder hier, auch zwischen den Generationen! Und kein Kind dreht sich von einer „Tante“ weg und will nicht geherzt werden – änäää! Mir hängen sie auch ganz ordentlich am Hals! Ist aber schön! Ich gehöre eindeutig zur Familie! Nein, keine Sorge – ich mach das nicht mit euch, wenn ich nach Hause komme … also, nicht mehr als vorher auch schon ;-) Aber hier ist das so normal wie echt und ich fühle mich sehr wohl!

Nur als nach dem Obst und dem Essen und dem Tee sich alle an einem Fleck versammeln, zig Geschenke und eine riesige Geburtstagstorte vor mich hinstellen, die Kerzen darauf anstecken und „tawalod, tawalod“ singen und klatschen und trällern – da darf man echt nicht schüchtern sein! Ich wage nicht mir vorzustellen, was abginge, wenn das Regime nicht tanzen, singen und musizieren in der Öffentlichkeit (und eigentlich überhaupt!) verboten hätte!!!!!!

 Zu ihrer Begeisterung schaffe ich alle Kerzen auf einen Streich auszupusten (42 waren’s nicht!), frage – um meine Verlegenheit zu verstecken – laut in die Runde, ob sie etwa immer noch nicht satt sind, worauf ich ein fast 80faches „Naaaaaaa!“ ernte, bevor ich mit einem gefährlich großen Messer das Schokoladenkuchen-Monster anschneide. Es soll der beste Schokoladen-Kuchen Teherans sein und alle sind ganz heiß darauf. Man lässt mich nicht allein, insgesamt habe ich 4 Helferinnen: Zwei schneiden und verteilen den Kuchen weiter, nachdem ich die ersten Stücke symbolisch für die Ältesten aufgetan habe, zwei andere helfen mir, den Wust an Geschenken von Einwickelmasse zu befreien und souflieren, von wem was ist und zeigen mehr oder minder diskret auf das entsprechende strahlende Gesicht.

Kommt mir vor wie bei einer Hochzeit, doch fehlt mir der andere, mit dem man sich das Auspacken und Bedanken teilen kann…. Für einen alleine ist das heftig! Diese Größenordnung ist allerdings auch eine Ausnahme – ich bin für sie wie ein Schaaf der Familie, von dem niemand etwas wusste und plötzlich taucht es auf und ist mit allen Brandzeichen versehen, die die Herde ausmacht! Mit diesen Dimensionen drücken sie ihre Freude darüber aus!

 Vom Schokoladen-Geburtstagskuchen bleibt kein Faz übrig, auch für mich nicht, doch das ist egal – die anderen sind gut versorgt, mampfen und lachen. (Ein paar Tage später besorgen sie den Kuchen nochmal in klein für mich, weil sie mitkriegten, dass ich ihn nicht probieren konnte!) Manche Geschenke werde ich bei baba lassen – aus Gründen des Übergepäcks… Einige Geschenke sind allerdings wie maßgeschneidert für mich und müssen unbedingt in den Koffer!

(Da ich die ganze Zeit mitten im Getümmel war, gibt es kein einziges Foto für den weblog! Andere haben allerdings gefilmt und vielleicht kann ich noch ein Bild nachreichen.)

 Obwohl der „Garten“ wie die meissten Restaurants um halb elf zu macht, tolerieren sie, dass unsere Party doch bis Mitternacht geht…Wie lange es dauert, bis die Familie sich untereinander voneinander verabschiedet hat, können sich Tine-Kenner sicherlich vorstellen… ;-) So ziemlich jeder will, dass ich vor meiner Abreise bei ihm zu Hause aber auch mal Gast bin und ich verweise fröhlich auf baba, Meister der persischen Umgangsformen, der mal sehen soll, wie er das innerhalb der letzten Woche alles koordiniert kriegt ohne jemanden zu brüskieren.

Als wir uns mit rappelvollen Autos langsam zockelnd und stockend wegen des Verkehrs den Berg wieder hinunterquälen, und ich über die ganze Autokarawane gucke, wird mir plötzlich klar: Wir sind der Stau! Es ist ein einziger großer Familien-Stau ;-)

Esfahan, Teil 2 Sonntag, Sep 24 2006 

Am nächsten Tag gibt es endlich etwas von Esfahan selber zu sehen. Mittelpunkt der Stadt ist ein riesiger rechteckiger Platz, an dessen Stirnseite eine entsprechend große Moschee zu besichtigen ist, an der Breitseite der Palast Ali Ghapu, in der Mitte des Platzes schön gestutztes Grün und Blumen, an dessen Aussenrand eine breite ebene Fläche ausschliesslich für die Pferdekutschen (Einspänner) da ist, die unaufhörlich Touristen um den sehr weitläufigen Platz kutschieren und die ganze Szenerie in ein dafür typisch gewordenes Glöckchenbimmeln tauchen – die Glöckchen hängen an den Halftern.

Ringsum wird der Platz von einstöckigen Arkadengängen eingeschlossen, in denen der Basar ist und in jeder Arkadenöffnung zum Platz hin befinden sich ebenfalls Läden. Hier kann man Stunden zubringen und wir tun das auch. Warum der Platz so riesig ist, warum die Arkaden rundherum? Das war füher mal ein Poloplatz! Wenn man sich das alles nun unter diesem Aspekt anschaut und ein bisschen Pferdegetrappel von den Kutschen hinzunimmt, ist man schwuppdiwupp mitten drin in so einer Szenerie, wo sie auf kleinen Poloponys mit schwingenden Schlägern hier entlang gejagt sind und die feinen Damen in den oberen Arkaden schattige Plätze einnahmen und sich vornehm Luft zufächelten! An einem Eingang des Basars gibt es einen versteckten Aufgang (mein Cousin kennt sich aus!) mit unglaublich hohen, engen Treppenstufen, die niemand auch nur annähernd würdevoll bewältigen kann …. jeder von uns zieht sich an dem rettenden Treppengeländer mühsam hoch wie ein Walroß!!! Wenn man diese Tortur hinter sich hat, wird man durch das einzige Cafe, das es hier weit und breit gibt, entschädigt (dank der Regierung, die wirklich alles schließen lässt, was schön ist und/ oder Spaß macht, denn feiern soll der Perser nicht! Inzwischen werden auch immer mehr Internetcafes geschlossen, weshalb meine Artikel so verzögert kommen … das sei an dieser Stelle mal gesagt!). Das Cafe hat tatsächlich auch ein paar Kissen nach draussen gelegt – für die sonnenhungrigen Touris sicherlich, die Perser bleiben drinnen im Schatten und rauchen Wasserpfeife. Zum Tee bekommt man einen ganzen Teller voll herrlichem süssen blätterteigartigem Schmalzgebackenem – köstlich!

Wie ich Anti-Tee-Frau in diesem Lande klarkomme? Ich bestelle heißes Wasser oder Tee im Beutel, lasse letzteren einfach weg und kippe eine Nescafe-Milch-Zucker-Mischung in die Teekanne, die ich immer dabei habe – fertig ist mein Kaffee-Ersatz!

Von diesem Cafe aus hat man einen sagenhaften Blick über den Platz, zwei Moscheen und einen Palast. Das einzige, was das letzte Cafe am Platze nicht hat ist ein Klo. Man muss also diese unsägliche Treppe wieder runter und ganz bis zum Ende des Basars laufen, um dort eine öffentliche Toilette zu finden. Bei uns wird das zum geflügelten Wort für solche Bedürfnisse: „Ich geh mal zum Ende des Basars!“

Irgendwann müssen wir uns hier losreissen und machen uns auf in die Imam-Chomenei-Moschee (die früher natürlich mal Schah-Moschee hieß). Faszinierend ist, dass sie vier Bethallen hat – für jede Jahreszeit eine! Sie sind den jeweiligen Wetterlagen entsprechend platziert und bedarfsgerecht konstruiert. Soll heißen: Die Bethalle für den Sommer ist sehr hoch (36 Meter!), damit sich die heiße Luft nicht staut. Die Winter-Bethalle hat im Gegenteil eine ganz niedrige Decke, damit es schnell warm wird. Frühling- und Herbsthalle sind eher grünlich (die anderen wie immer blau) und ihre Decken entsprechen den Sonneneinfallswinkeln zu diesen Jahreszeiten. Frühlings- und Sommer-Bau liegen einander gegenüber. Am beeindruckendsten ist die Akkustik in der hohen Sommer-Bethalle: In deren Mitte gibt es eine besondere Steinfläche von ca. einem Quadratmeter. Wenn man dort mit dem Fuß auftritt, hallt es von der verschachtelten halboffenen Decke vielfach laut wieder. Mein Cousin macht sich einen Spaß draus und lässt dort kurz überm Boden einen Geldschein knallen, in dem er ihn schnell auseinanderzieht. Hört sich an wie Peitschenhiebe! Ein anderer Besucher macht uns vor, wozu diese Fläche tatsächlich dient: Er stellt sich drauf, hält sich ein Ohr zu und singt wie ein echter Mullah! Wir kriegen Gänsehaut! Der Klang nimmt alles ein, kommt von überall zurück, legt sich über die Zuhörer wie ein Schleier. Er soll bloß nicht aufhören – das ist sooo schön !!!

Draussen vor der Moschee, hocken wir uns an den Rand und machen persische Brotzeit: Dünnes Fladenbrot, Walnüsse, Wasser. Ein kleines Mädchen versucht uns Pflaster (Hansaplast!) zu verkaufen. Wieso ausgerechnet vor einer Moschee? Wegen Knieverletzungen vom Beten?! Mein Cousin erklärt, dass Betteln im Iran verboten ist und die Pflaster daher ein Vorwand. Neben mich setzt sich eine Frau mit „Nonnenkutte“, wie ich es nenne – ein schwarzes Kopftuch, das aber rundherum geht und bis kurz unter die Brust reicht. Sie hat ein blondes (!) Baby im Arm, das rumquengelt. Die Frau nestelt an der Kutte rum. Ich denk noch „Sie wird doch wohl nicht …???“ – Aber ja! Hier vor der Moschee unterm Schutz der Nonnenkutte stillt sie ihr Kind! Das Köpfchen verschwindet komplett unterm scharzen Vorhang. Nun ist also auch klar, wozu dieses Kleidungsstück dient – zugleich auch ein praktisches Sabber- und Spucktuch ;-)

Wir ziehen weiter zum Ali Ghapu-Palast an der Breitseite des Platzes. Er entstand in der Dynastie der Safawiten vor etwa 500 Jahren und wurde von Schah Abbas I. begonnen, der die Fertigstellung allerdings nicht mehr erlebte, denn es dauerte 70 Jahre! Sein Sohn Abbas II. hat das Werk dann vollendet. Die Decken sind aus Holz, wie auch in Persepolis, weshalb jenes so gut brennen konnte… Gegenüber des Palastes, an der anderen Breitseite des Platzes steht eine Moschee ohne Minarette, deren Kuppel mehr beige als blau ist. Sie war dem Harem des Schah Abbas vorbehalten – die Damen konnten durch einen unterirdischen Gang vom Palast flugs zum Gebet eilen ohne gesehen zu werden. Einen eigenen Muezzin bekamen sie nicht, daher auch keine Minarette!

Alle Treppen innerhalb des Palastes inkl. dem Gegentritt (heißt das so?) sind aus Mosaik-Kacheln in blau und gelb, die Stufen wie immer hier recht hoch und steil. Ein paar Stockwerke weiter oben gibt es eine wunderschöne Säulen-Terrasse (alles aus Holz!) mit noch schönerem Ausblick auf den Platz, die große Moschee, die Stadt Esfahan und die hohen Berge dahinter. An den Wänden sieht man hie und da Bilder von Mongolen. Man hat diese Art Malerei übernommen, nachdem die Mongolen in Persien eingefallen sind.

Oben im Palast kommt man zum Herzstück das Ganzen: Dem Musikzimmer! Die Decke ein einziges Ineinandergeschachtel gotisch anmutender Bögen, Decke und Wände aus blau und rot gefärbtem Gips, aus dem man scherenschnittartig Umrisse von Vasen, Flaschen und Blumen ausgekratzt hat. Hinter jedem dieser Ausschnitte ist ein Hohlraum. Es muss der akkustische Vorläufer von Konzertsälen sein! Die Sonne bricht sich Bahn durch eine Reihe Gitterfenster. Diese Farben! In die unteren Reihen an den Wänden hat man Kerzen in die Hohlräume gestellt – ich kann mir im Leben nichts romantischeres vorstellen als diesen Anblick!!! Ich hoffe, dass ein Foto im weblog annährend eine Idee davon gibt! Es dauert lange, bis wir uns von diesem Musikzimmer losreissen können.

Als wir den Palast verlassen wollen gibt es noch etwas Unglaubliches zu entdecken.Der Vorraum des Palastes hat eine Besonderheit: Wenn man sich in eine der Ecken stellt, am besten mit dem Gesicht zur Wand und leise spricht, kann das jemand, der in der diagonal gegenüberliegenden Ecke ebenso an der Wand steht, sehr klar und deutlich hören …. aber niemand sonst in dem ca. 100 qm großen Raum ! Das ist völlig faszinierend und wird von uns sofort ausprobiert! Der Trick ist die besondere Architektur: Die vier Ecken der Decke haben eine seltsame Rundung, sind also gar keine richtigen Ecken – so funktioniert es! Zur Touristen-Bespaßung hat man das vor 500 Jahren natürlich nicht erfunden, sondern für die Wachen! Sie standen immer im Vorraum bereit, in alle Ecken verteilt und wenn jemand um Einlass bat, konnte man sich auf diesem Wege äußerst diskret und schnell verständigen, was man von dem Besucher zu halten hatte!

Da die Dämmerung hereinbricht, quälen wir uns doch noch mal die Treppen zu dem einzigen Cafe hoch, weil man von dort einen sagenhaften Sonnenuntergang über Berge, Esfahan und Moscheen hat. Als wir so schön draussen auf den dicken Kissen sitzen, kommt ein Kellner mit einer Art Minigrill raus auf die Terrasse und schenkt wie Weihrauch „Esfand“ über die Gäste. Eine Mixtur aus zweierlei Kräutern, die auf glühende Holzkohle gestreut werden und sofort viel weißen Rauch entwickeln, der mich im Geruch an Winnetou erinnert …fragt mich nicht wieso, meine erste Assoziation mit diesem etwas beißendem Geruch waren halt Apachen! Während man so etwas über die Leute schwenkt, murmelt man auf arabisch so was wie „Allah ist groß“ oder „ Allah soll euch beschützen“, um die Anwesenden vor bösen Blicken zu bewahren oder – falls schon geschehen – zu reinigen. Heutzutage. Früher wedelte man mit Esfand in den rappelvollen Teestuben, die kaum Fenster hatten und deren Gäste sich nur einmal die Woche wuschen, um die Luft zu reinigen. Heute ist es nur noch ein verbreiteter Aberglaube, eine fürsorgliche Geste für die Lieben, wie ich es auch schon zweimal in meiner Familie erlebt habe: bei meinem Cousin in Deutschland und bei meiner Tante am Abend meiner Ankunft in Teheran.

Bleibt mir noch zu erwähnen, dass ich mich schon seit Wochen wundere, immer wieder mal Frauen zu sehen, die sich an der Nase verletzt haben und – obwohl das doof aussieht – damit in der Öffentlichkeit rumrennen. Ehrlich gesagt habe ich bei der Ersten gedacht, ihr Männe habe sie geschlagen und diesen bösen angeguckt!In Esfahan klärt mich mein Cousin mit Tränen vor Lachen auf, dass die ganzen Mädels ihre persischen Nasen einer Schönheitsoperation unterzogen haben und äußerst stolz mit diesen Nasenpflastern 2 Jahre lang rumrennen, bis sie es abnehmen dürfen!!!!!(Nachtrag meiner Cousine beim weblogschreiben: Es gibt auch Mädels, die stolz mit einem Nasenpflaster rumlaufen, ohne je eine Operation gehabt zu haben!!!!!!)

Ich esse Safran-Eis und denke über die Merkwürdigkeiten dieses Landes nach.

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